Im Folgenden werden die wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit dem westlichen Ritus (WR) in der Orthodoxie ausführlich dargestellt und hoffentlich erschöpfend beantwortet, die unter FAQ nur als erster Überblick zusammengefasst sind.

Zur Verteidigung der Westritus-Orthodoxie.

Veröffentlicht von einem unbekannten orthodoxen Diakon am 2. März 2016.

Aus dem Englischen übersetzt.

Der hl. Johannes (Maximowitsch) von Schanghai feiert den WR mit WR-Orthodoxen in Paris.

In den letzten Jahren haben einige orthodoxe Jurisdiktionen in den USA und in Großbritannien ganze Gemeinden aufgenommen, die vom Anglikanismus oder Katholizismus zur Orthodoxie konvertierten. Diese wenigen Gemeinden unterscheiden sich dadurch, dass sie ihre orthodoxen Gottesdienste im „Westritus“ abhalten – einem hochkirchlichen Gottesdienst, der dem orthodoxen Festkreis angepasst wurde. Ein Diakon der orthodoxen Kirche des byzantinischen Ritus verteidigt diese Praxis:

Seit mehr als hundert Jahren wurde die Frage des Westritus innerhalb der kanonischen orthodoxen Kirche lebhaft debattiert. Viele orthodoxe Christen mit westlichem Ursprung finden darin eine Heimat, eine Antwort auf ihre tiefsten Wünsche zur „Wiedergeburt“ der westlichen Christenheit und eine Möglichkeit, die westlichen Christen wieder zur wahren Kirche zu führen. Andere betrachten den Westritus als etwas Fremdes, Missverständliches und Gefährliches. Sie sehen ihn als Neuerung an und sogar als (potentiell) häretisch.

Was sollen wir Orthodoxen daher über den Westritus denken? Ist er gefährlich und falsch, oder ist er heilig und gut? Was ist an den Einwänden substanziell, die gutmeinende Orthodoxe haben, Kleriker wie Laien? Im Folgenden werde ich einige der häufigsten Argumente näher betrachten, die gegen den Gebrauch des Westritus benutzt werden. Ich werde sie nicht allein aus einer westlichen orthodoxen Perspektive untersuchen und auf sie antworten, sondern auch mit einer ehrlichen Bewertung seitens östlicher Positionen.

Vorab möchte ich mich die Unverblümtheit und für die möglicherweise polemische Art dessen entschuldigen, was hier gesagt wird. Doch da unsere Kultur sich in eine zunehmend politisch korrekte Welt verwandelt, in der niemand mehr sagt, was er oder sie tatsächlich meint, ist Unverblümtheit manchmal erforderlich, um den Standpunkt deutlich zu machen. Vergib mir, einem Sünder, um der Gnade Christi willen.

„Ist der WR nicht einfach umgekehrter Uniatismus?“

Vielleicht ist der häufigste Vorwurf gegenüber der WR-Bewegung, sie sei bloß ein „umgekehrter Uniatismus“. Gemeint ist mit der Unia oder den Ostrituskatholiken diese Gruppen von Menschen in den orthodoxen Stammlanden, die durch politischem Druck unter die Herrschaft des römischen Papstes gerieten, wobei sie ihre orthodoxen liturgischen Riten beibehielten.

Die Behauptung, die WR-Kirchen bestünden bloß aus orthodoxen Uniaten, ist nicht nur unwahr, sondern zeigt überdies eine problematische Unkenntnis dessen, was die Unia tatsächlich ist. Denn zunächst sind die uniatischen Kirchen frühere orthodoxe Teilkirchen, die hauptsächlich aus politischen und nicht vorrangig aus religiösen Gründen zu Rom kamen und die meiste Zeit durch die politisch Verantwortlichen dazu gezwungen wurden.

Ferner haben die Unierten Kirchen (d. h. die griechisch-katholischen Ukrainer, die Melkiten, Ruthenen usw.) vielfach nicht dieselben theologischen Ansichten wie die römische Kirche. Besonders hervorzuheben ist, dass die Unierten das „Filioque“, das in das Nizänische Glaubensbekenntnis eingefügt wurde, nicht beten müssen und auch nicht den päpstlichen Primat auf dieselbe Weise wie die Römer bekennen. Sie betrachten das Papstamt eher so, dass wir Orthodoxen dem meistens zustimmen könnten, da es sich ihrer Theologie nach nicht mit der ihrer römischen Geschwister deckt. Auch die Sakramente verstehen sie ganz anders, besonders aufgrund der theologischen wie praktischen Unterschiede hinsichtlich Taufe, Firmung (Chrismation) und der ersten hl. Kommunion.

Der hl. Markus von Ephesus, eine Säule des Widerstandes gegen die falsche Union [von Florenz] mit den Lateinern, wird seltsamerweise von Katholiken des byzantinischen Ritus verehrt.

In der Tat bildet aber die Heiligenverehrung einen weiteren großen Unterschied zwischen der Union und den WR-Gemeinschaften. Man kann östliche Katholiken finden, die den hl. Markus von Ephesus verehren, der sich gegen die Vereinbarungen zur Wiedervereinigung mit der römischen Kirche wehrte und sie für häretisch erklärte. Auf derselben Ebene müssten WR-Kirchen Heilige wie Franz von Assisi, Thomas von Aquin und Anselm von Canterbury verehren, was sie natürlich nicht tun.

Allein schon aufgrund dieser grundsätzlichen Unterschiede ist es geradezu abwegig zu behaupten, römische und östliche Katholiken teilten denselben Glauben, obwohl sich beide unter demselben päpstlichen Schirm befinden. Doch kann der WR gar nicht unter das Verbot, das „umgekehrter Uniatismus“ heißt, fallen. Denn wäre dies wahr, müssten die WR-Gruppen dazu unter die Aufsicht von orthodoxen Bischöfen fallen, während sie dabei nicht nur ihre liturgischen Riten, sondern auch ihre eigene heterdoxe Theologie behielten und gleichzeitig behaupteten, allein die Unterwerfung unter einen orthodoxen Bischof sein nötig, um ein Teil der [orthodoxen] Kirche zu sein.

Doch wird vom WR verlangt, denselben Glauben, dieselben theologischen Ansichten und dieselbe Sakramententheologie anzunehmen, zu halten und zu verkünden wie auch die übrige orthodoxe Welt. Tatsächlich ist der WR – einfach gesagt – eine westliche Orthodoxie. Diese westliche Orthodoxie steht nicht der östlichen Orthodoxie gegenüber, sondern ist eher harmonisch mit ihr verbunden. Was auch immer eine individuelle Gemeinde glaubt oder praktiziert, das falsch sein könnte (und womit sich dann sicherlich ihr zuständiger Bischof beschäftigen sollte), ist unabhängig von der WR-Bewegung als ganzer, denn alle WR-Vikariate in der kanonischen Kirche müssen den orthodoxen katholischen Glauben bewahren. Daher verfängt der Vorwurf des „umgekehrten Uniatismus“ nicht, und er ist komplett falsch.

„Ist der WR ist ein Teil der lebendigen orthodoxen Tradition?“

Ein weiteres häufiges Argument gegen den WR ist, dass er kein Teil der lebendigen Tradition der orthodoxen Kirche sei. Gewöhnlich geht die Argumentation so ähnlich: Die Westkirche hat den überlieferten christlichen Glauben zur Zeit des Großen Schismas verlassen, und ihre liturgischen Riten haben sich im Laufe der Zeit derart verändert, dass sie ihren orthodoxen Kontext verloren haben. Da sie für lange Zeit nicht in einem orthodoxen Zusammenhang gefeiert wurden, genüge dies, um ihr die Orthodoxie abzusprechen. Daher – so funktioniert das Argument – stellt der WR keine „lebendige“ Tradition dar.

Jedoch wirft dieses Argument notwendigerweise die wesentliche Frage auf, die beantwortet werden muss: Was ist eine „lebendige“ Tradition? Für orthodoxe Widersacher muss ein liturgischer Ritus kontinuierlich gefeiert und für die längste (oder die gesamte) Kirchengeschichte hindurch vergleichsweise unverändert geblieben sein, um als „lebendig“ zu gelten.

Doch ist das keine christliche Definition von „lebend“. Wenn etwas belebt ist, geschieht dies durch die Gegenwart Christi und durch das Wirken des Heiligen Geistes. Wenn etwas innerhalb der Kirche existiert, von der Hierarchie abgesegnet ist und von den Gläubigen in Übereinstimmung mit dem Wahren Glauben [Orthodoxie] gefeiert wird, dann lebt es.

Wird einer von uns etwa behaupten, dass die Liturgie der vorgeweihten Gaben oder die Basiliusliturgie kein Teil der „lebendigen“ Tradition der Kirche in den Zeiten des Jahres ist, wenn sie nicht in Gebrauch sind? Ferner haben die WR-Liturgien eine weitere Verbreitung als die Jakobusliturgie, doch haben die, die den WR in Misskredit ziehen, kein Problem mit der Vorstellung, diese Liturgie sei „lebendig“.

Was eine liturgische Form oder einen Ritus „lebendig“ macht ist, dass er in der Kirche zur Verehrung Gottes und zu Spendung Seines Volkes mit den Sakramenten der Kirche verwendet wird. Ob etwas seit der Zeit der Apostel bis heute in Gebrauch gewesen ist oder nicht, kann kein Maßstab für Leben sein, weil wir nur auf einige unserer eigenen orthodoxen Gemeinden schauen und feststellen müssen, dass sie – obwohl dort der korrekte „Ritus“ und eine solche Theologie äußerlich gegenwärtig sind – tot sind oder sterben, weil diese Riten keine innerliche Wirklichkeit wurden. Das ist im Osten wie im Westen möglich. Hier muss man nicht unterscheiden. Wenn die Feier dieser liturgischen Riten eine wahre Gotteserfahrung ermöglicht, ist das das wahre Kennzeichen ihrer Gültigkeit.

Wir sollten uns daran erinnern, dass wir einen Gott verehren, der sich entäußerte, um das Leben den Toten zu schenken. Wie können wir da sagen, er könne oder würde nicht einer alten Liturgie wieder neues Leben einhauchen? Statt über „lebendige Tradition“ historisch oder philosophisch zu sinnieren, brauchen wir allein mit unserer Augen zu schauen (physisch wie geistlich) und zu erkennen, ob etwas am Leben ist.

Schließlich bedeutet die Redeweise von westlichen Liturgien, die nicht „unserer“ Tradition (natürlich der orthodoxen) entsprechen, den liturgischen Riten, die von westlichen Heiligen des ersten Jahrtausends der Christenheit gefeiert wurden, ihre Gültigkeit abzusprechen. Der große Förderer des WR im zwanzigsten Jahrhundert, der hl. Johannes der Wundertäter von Schanghai und San Francisco, hat es uns klar gesagt:

„Nie, nie, niemals lasst euch von irgendwem sagen, dass man, um orthodox zu sein, östlich sein muss. Der Westen war für tausend Jahre voll orthodox, und seine ehrwürdige Liturgie ist viel älter als jede seiner Häresien.“

Hl. Johannes von Schanghai und San Francisco (+ 1966)

Dieser große Heilige erkannte die Orthodoxie in diesen Riten, und er erkannt dies jenseits der Verschüttung durch ihre Irrlehren, mit denen sie seit dem Schisma assoziiert werden. Er erklärte, dass – obwohl diese Kirche dem Irrtum verfallen ist – ihre Liturgie wirksam ist.

„Gibt es denn überhaupt noch „orthodoxe“ traditionelle Katholiken, Anglikaner oder Lutheraner?“

Eine weitere häufige Frage betrifft die traditionellen Katholiken, Anglikaner und Lutheraner, die ihrer Theologie nach konservativ sind, aber weiterhin in ihrer jeweiligen Konfession verblieben sind. Dies wird gewöhnlich folgendermaßen umschrieben: „Ich könnte den WR verstehen, wenn es sich etwa um eine große Gruppe irischer Katholiken um 1950 handeln würde, die orthodox werden wollten. Doch heute erinnern sich die, die noch katholisch, anglikanisch oder lutheranisch sind, nicht mehr an diese Riten. Daher können sie einfach zum byzantinischen Ritus kommen, wenn sie orthodox werden wollen.“

Der erste Punkt wird in Begriffen der Anglikaner und Lutheraner abgehandelt. Im Allgemeinen kommen die, die diese Konfessionen verlassen, aus einem „hochkirchlichen“ Hintergrund. Wir sollten uns erinnern, dass diese von allen anglikanischen und lutheranischen Gruppierungen die liturgischsten unter den Protestanten sind und ihre Liturgie sehr ernst nehmen.

Besonders die Anglikaner haben einen unglaublich tiefen Sinn für ihre Liturgie, die vom Ursprung her und in der Praxis älter und im Grad der Verehrung tiefergehend ist als der moderne römisch-katholische Ritus. Und sie ist tatsächlich sehr schön. Im Hinblick auf den Ausdruck „sich den Ritus vergegenwärtigen“ muss sich hier ein solcher Lutheraner und Anglikaner nichts wirklich „vergegenwärtigen“, denn sie leben dies, sooft sie in eine Kirche kommen.

Einige würden zudem behaupten, dass Lutheraner und die aus der Anglican Communion bereits römisch-katholisch oder orthodox sind, so dass man die Verbliebenen fragen könnte: „Warum wollte ihr jetzt zur Orthodoxie kommen und nicht schon vor zwanzig Jahren?“ Die Antwort darauf ist eindeutig: Treue. Viele Anglikaner, Lutheraner und sogar Presbyterianer oder Methodisten, die in ihren Konfessionen aufgewachsen sind, bleiben ihren Kirchen treu, selbst wenn diese Kirchen ihnen nicht mehr treu gegenüber sind.

Wenn sich solche Gläubigen ungeachtet des Timings dazu entscheiden zu gehen und zur Orthodoxie zu kommen, ist es nicht an uns zu fragen „Warum jetzt?“. Vielmehr sollten wir sagen „Danke, Gott“. Wenn ferner die, die ihren Konfessionen, die sich von ihrem überlieferten Glauben entfernt haben, treu ergeben waren, wie treu werden sie der Orthodoxie gegenüber sein, wenn sie diese gefunden haben! Das sind die Menschen, die wir uns in unseren Gemeinden wünschen. Sie geben so viel auf, indem sie alles, was die kennen, verlassen, so dass es den Orthodoxen möglich sein sollte, sie Heim zu bringen und sie zu umarmen, während sie ihnen ihre liturgischen Formen, die sie kennen, lassen.

Obgleich eingeräumt werden muss, dass die moderne römisch-katholische Liturgie zum Heulen weit entfernt weg von der Schönheit und dem Glanz der früheren Messe ist (diese normalerweise in den orthodoxen AWRV-Gemeinden gefeiert wird), darf man zugleich das gewaltige Wachstum traditioneller Katholiken besonders in den USA feststellen. Tatsächlich gab es in den letzten 20 Jahren in den Gemeinden der römischen-katholischen Kirche der USA den nachhaltigsten Anstieg, wo täglich die tridentinische Messe auf Latein gefeiert wurde. Dieses Wachstum geschah nicht aufgrund der Nostalgie älterer Leute, wie man glauben könnte. Eher werden diese Gemeinden überlaufen von jungen Leuten in den Zwanzigern und Dreißigern, die sich nach ihren Wurzeln sehnen.

Was den WR so notwendig macht, ist genau dies. Da gibt es so viele hochkirchliche Protestanten und traditionelle Katholiken, die ihr orthodoxes christliches Erbe suchen, und ihre eigenen Konfessionen lassen dies hinter sich. In vielen Fällen werden die traditionellen Katholiken wie zweite Wahl behandelt, während die neuen charismatisch bewegten Novus-Ordo-Gemeinden hochoffiziell gefallen.

Genau diesen Menschen, diesen traditionell konservativen Mitgliedern solcher liturgischer Bewegungen, müssen wir das Licht der Orthodoxie aufscheinen lassen. In der Tat können wir etwas Unglaubliches geben: nämlich ihrer tiefsten Sehnsucht das Zuteilwerden der Verehrungsform ihrer westlichen Vorfahren in Verbindung mit dem Wahren Glauben Jesu Christi. Das ist eine ungeheure Gabe, und wir wären töricht, sie nicht zu gebrauchen, denn sie könnte theoretisch die Welt ändern und vielen Christen helfen, das Schisma zu heilen durch die eine Taufe zu rechten Zeiten.

WR-orthodoxe Gemeinde „Zur hl. Menschwerdung“ (AWRV) in Detroit

„Die WR-Liturgien sind zu patrizentrisch!“

Ein sehr verbreiteter Einwand, der von Kritikern des westlichen Ritus verwendet wird, ist die Idee, dass die Messe des westlichen Ritus zu „patrizentrisch“ ist. Anders ausgedrückt, es heißt, dass sich die Gebete der westlichen Liturgien fast ausschließlich an den Vater richten auf Kosten und unter Negierung des Sohnes. Während dies wahr sein kann oder nicht, ist die Idee dahinter interessant.

Östliche WR-Gegner sagen oft: „Wir beten >zu Christus, unserem Gott<, sie [im WR] beten >durch Christus, unseren Herrn<.“ Indem sie dies sagen, behaupten sie, dass die Gebete des WR irgendwie mangelhaft sind und dass Gott ihnen nicht antworten wird oder solch ähnlichen Unsinn.

Was wir bei dieser Argumentation oft vergessen, ist, dass wir Christen mit byzantinischem Ritus auch in unseren Liturgien nicht ausschließlich zu Christus beten, und es gibt sogar patrizentrische Gebete in der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus. Das offensichtlichste Beispiel ist tatsächlich der feierlichste Moment unserer Liturgie: die Anaphora.

Während wir durch die Liturgie fortschreiten und uns dem Mysterium der Mysterien nähern, ist das verwendete Gebet kein christozentrisches, sondern ein patrizentrisches:

Es ist würdig und recht, von Dir zu singen, Dich zu rühmen, Dich zu preisen, Dir zu danken und Dich an jedem Ort Deiner Herrschaft anzubeten. Denn Du bist Gott, unbeschreiblich, unvorstellbar, unsichtbar, unverständlich, immer und ewig gleich, Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist. Du warst es, der uns aus der Nichtexistenz ins Leben gerufen hat, und als wir abgefallen waren, hast Du uns wieder auferweckt und hast nicht aufgehört, alles zu tun, bis Du uns in den Himmel gebracht und mit deinem Königreich ausgestattet hast, welches noch kommt. Für all diese Dinge danken wir Dir und Deinem eingeborenen Sohn und Deinem Heiligen Geist. Für alle Dinge, von denen wir wissen und von denen wir nicht wissen, ob sichtbar oder unsichtbar; und wir danken Dir für diese Liturgie, die Du für würdig befunden hast, von uns angenommen zu werden, obwohl Tausende von Erzengeln und Heerscharen von Engeln Dir zur Seite stehen, die Cherubim und die Seraphim, sechsflügelige, vieläugige, die emporsteigen, getragen von ihren Flügeln, die triumphierend die Hymne singen, schreien, verkünden und sagen: Heilig! Heilig! Heilig! Herr von Sabaoth! Himmel und Erde sind voll von Deiner Herrlichkeit! Hosianna in der Höhe! Gesegnet ist, der kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Anaphora des Chrysostomusliturgie

Ferner ist, wenn unsere Liturgie beginnt, das allererste Gebet des Priesters vor dem Altar kein Gebet zu Christus, sondern ein Gebet zum Heiligen Geist, dem „O, himmlischer König“.

Nun könnte man hier einen Einwand erheben: „Wir räumen ein, dass einige Gebete in der östlichen Liturgie nicht christozentrisch sind, aber in der westlichen Kirche sind alle Gebete patrizentrisch.“ Auch das ist nicht der Fall wahr. Während die große Mehrheit der Gebete des WR tatsächlich an den Vater gerichtet ist, gibt es viele Ausnahmen.

Erstens ist einer der ersten Momente der Messe im westlichen Ritus das „Kyrie“, in dem der Priester und das Volk im Wechsel singen: „Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich. “ Und zudem gibt uns die westliche Liturgie in den Gebeten kurz vor der Kommunion drei wunderschöne Gebete an Christus, von denen das erste besagt:

Herr, Jesus Christus, der Du deinen Aposteln gesagt hat: Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Schau nicht auf die Sünden, sondern auf den Glauben Deiner Kirche; und gewähre ihr Einheit und Frieden gemäß Deinem Willen. Einiger Gott, der Du lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Schließlich ist es einfach eine Tatsache, dass in der westlichen Kirche die Gebetsformel immer patrizentrisch war. Es ist merkwürdig, dass dies kein Problem für die östlichen Christen war, als sie vor dem Schisma mit Rom in Gemeinschaft standen, aber dass einige orthodoxe Christen dies jetzt als Einwand gegen den westlichen Ritus nutzen.

„Moderne orthodoxe Theologen lehnen den westlichen Ritus ab!“

Ein weiteres Argument gegen den WR ist, dass moderne orthodoxe „Theologen“ und Forscher gegen seinen Gebrauch argumentieren. Darunter sind Namen wie Fr. Alexander Schmemann, Metropolit Kallistos [Ware] und andere. Diese Gelehrten erheben unterschiedliche Einwände bezüglich Historizität, römisch-katholische Innovationen, post-schismatische Frömmigkeitsformen und vieles andere aus akademischer Sicht.

Solche Argumente können jedoch durch die Beantwortung der folgenden Frage leicht abgewehrt werden: Bestimmen Akademiker, was Orthodoxie ist, oder die Heiligen? Die Antwort ist natürlich, die Heiligen, oder genauer gesagt, das lebendige Wirken des Heiligen Geistes, der in Übereinstimmung mit der heiligen Überlieferung innerhalb der Heiligen Gottes in seiner Kirche wirkt.

Wir können klar erkennen, dass, egal wie viele „Akademiker“ sich gegen die Anwendung des WR aussprechen mögen, sie sich gegen die Heiligen stellen müssen, die ihn unterstützen, einschließlich Johannes Maximowitsch, St. Tichon von Moskau, St. Nikolaus von Japan und St. Raphael von Brooklyn und anderen. Es gibt auch viele andere orthodoxe Akademiker, Gelehrte und Leiter in der Kirche, die den westlichen Ritus unterstützen, Männer wie Vladimir Lossky, Patriarch Sergius I. von Moskau [Anm. 1], Metropolit Anthony (Bloom), Metropolit Philip (Saliba) und Bischof Basil (Essey) von Wichita.

Werden wir die gleiche gelehrte Haltung annehmen, die wir an den westlichen Kirchen kritisieren, und zulassen, dass unser Glaube und unsere Praxis von Akademikern bestimmt werden? Oder werden wir dem Zeugnis und der gelebten Erfahrung der Heiligen folgen? Die Antwort ist klar: Wenn die Heiligen Gottes und verschiedene orthodoxe Synoden etwas akzeptiert haben, ist die Sache erledigt. Es gibt keinen Raum mehr für Diskussionen über die Akzeptanz des WR als etwas Orthodoxes. Es wurde so verkündet und akzeptiert und muss jede Chance bekommen, zu wachsen und erfolgreich zu sein.

„Der westliche Ritus führt nicht-orthodoxe Elemente
in das Leben der Kirche ein!“

Ein weiteres häufiges Argument ist, der westliche Ritus führe in die orthodoxen Elemente des kirchlichen Lebens etwas ein, das in seinem Ursprung nicht orthodox sei. Dies kann von liturgischen Praktiken über paraliturgische Andachten bis hin zu Gewändern oder der Kleidung von Geistlichen reichen. Diese Anschuldigung wird sehr oft gegen Orthodoxe des WR vorgebracht, insbesondere von eher „hardcore“ oder traditionalistischen orthodoxen Christen. Sie argumentieren, dass die Einführung bestimmter westlicher Elemente in die Orthodoxie die Reinheit der Orthodoxie verschmutze und durch die Unterdrückung des WR vermieden werden solle.

Man kann nur sagen, dass diese Kritiker mehrere Jahrhunderte zu spät sind, um dieses Argument vorzubringen. Tatsächlich gibt es in der Orthodoxie viele Elemente, die nicht nur nichtorthodoxen, sondern auch nichtchristlichen Ursprungs sind. Abgesehen von unserer theologischen Sprache mit Begriffen wie Hypostase, die aus der heidnischen griechischen Philosophie stammen und entschieden nicht-christlich sind, hat die durchschnittliche orthodoxe Gemeinde in Amerika und anderswo unzählige westliche Elemente, ob sie sich ihrer bewusst ist oder nicht.

Immer wenn wir in eine Kirche gehen und vierstimmige Musik hören, Glasfenster sehen, einen Priester in einem Priesterkragen oder Gewänder treffen, die eine bestimmte „saisonale“ Farbe haben, sind dies westliche Einflüsse. Diese Elemente sind heutzutage in unseren orthodoxen Kirchen alltäglich, und wir glauben nicht einmal, dass sie römisch-katholischen Ursprungs sind. Wir gehen davon aus, dass sie orthodox und Teil der Anbetung der Kirche sind.

Um denjenigen zu antworten, die eher „traditionalistisch“ sind, sollten wir darauf hinweisen, dass es Elemente gibt, die als „traditionell“ orthodox gelten und nicht einmal christlichen Ursprungs sind. Einige dieser Elemente sind in dieser Hinsicht sehr interessant, weil manche argumentieren, dass genau sie die Meilensteine sind, die bestimmen, wie ein orthodoxer Priester in Bezug auf das Erscheinungsbild aussehen soll.

Nehmen wir zum Beispiel den Riassa [langärmliger Mantel der Geistlichen] und das Tragen von langen Haaren und ungekämmten Bärten, insbesondere von Geistlichen, die keine Mönche sind. Diese werden oft als Grund für das Auftreten eines orthodoxen Geistlichen in der Öffentlichkeit angeführt. Dies ist jedoch ein großes Problem, da sie nicht christlichen, sondern islamischen Ursprungs sind. Dies waren die Zeichen der Regierungsbeamten während des muslimisch-osmanisch-türkischen Reiches, einer Zeit, in der wir als orthodoxe Christen unter islamischer Herrschaft standen.

Dasselbe gilt für das Kamilavkion oder den Klobuk, da es sich um einen türkischen Juristenut handelte, sowie für Sakkos und Mitra, wie sie Bischöfe in der Liturgie tragen, die von den byzantinischen Kaisern getragen wurden und bis zur Osmanische Eroberung als Bischofsornat historisch unbekannt waren. Was heute von allen orthodoxen Geistlichen überall getragen wird, von Bischöfen wie Priestern, ist nicht einmal christlichen Ursprungs, und in Bezug auf Riassa, langes Haar und Kamilavkion sind sie sogar Zeichen der muslimischen Herrschaft über die Kirche, und doch werden sie weiterhin getragen und Zeichen des orthodoxen Priestertums genannt, weil sie durch ihren Einsatz in der Kirche gesegnet wurden.

Die traditionelle Kleidung eines orthodoxen Priesters ist eine einfache Soutane, schwarz für Mönche und in verschiedenen Farben für verheiratete Geistliche, ein Bart, der ordentlich abgeschnitten ist, wenn er in einer Stadt oder Gemeinde lebt, und kurze Haare, was die Tonsur der byzantinischen Geistlichkeit ist. Dies ist unser wahres orthodoxes Erbe, aber wir ignorieren es zugunsten der islamischen Normen. Es ist eine merkwürdige Kuriosität, dass diejenigen, die sich gegen die Einführung von Elementen des WR in der Kirche aussprechen, dieselben Menschen sind, die sich an westliche christliche und sogar islamische Elemente in ihrem liturgischen und kirchlichen Leben klammern.

„Geisterhäuser“ der orthodoxen Ureinwohner Alaskas

Wo auch immer die orthodoxe Kirche sich als solche befunden hat, hat sie Elemente der lokalen Kultur angenommen und sie „getauft“. Hier in Amerika, in Alaska, kam die Kirche zu den Ureinwohnern und erlaubte ihnen, an bestimmten Riten und Zeremonien (d. h. Geisterhäusern, unklaren Zeremonien usw.) festzuhalten, die animistisch-heidnischen Ursprungs sind, aber gesegnet wurden und nun als vollständig orthodox gelten. Diese Praxis ist nicht auf Alaska beschränkt, sondern findet sich in der ganzen orthodoxen Welt.

Schließlich ist der julianische Kalender, über den so viel in der orthodoxen Kirche diskutiert wird, nicht christlichen, sondern heidnischen Ursprungs. Werden wir weiterhin auf diese Weise streiten, Haare spalten und unsinnige Argumente vorbringen? Oder werden wir mit uns selbst ehrlich sein und die Ursprünge unseres Tuns betrachten und einfach die Wahrheit anerkennen, dass wir das Gute in der Welt um uns herum aufgenommen und es zur Ehre des allmächtigen Gottes gesegnet haben.

„Nur der byzantinische Ritus kann in der orthodoxen Kirche verwendet werden!“

Eine absolut lächerliche und absurde Behauptung, die von Kritikern des orthodoxen WR aufgestellt wurde, ist, dass in der orthodoxen Kirche nur die Liturgien von Johannes Chrysostomus, Basilius, Jakobus und der vorgeweihten Gaben zulässig sind. Diese Idee ist eine völlige Neuerung, und man kann nicht einmal behaupten, dass sie aus der Zeit des Großen Schismas stammt, sondern erst lange danach.

Tatsächlich hatte die orthodoxe Kirche in verschiedenen geografischen Regionen des Ostens eigene liturgische Riten. Dazu gehörten ein ausgeprägter antiochenischer Ritus und ein alexandrinischer Ritus, die letztendlich zugunsten des Ritus aus Konstantinopel unterdrückt wurden. Diese Vielzahl von Riten existierte lange nach dem Schisma mit Rom, und Elemente dieser historisch orthodoxen Riten können in verschiedenen liturgischen Variationen in der ganzen Kirche gefunden werden.

Es gibt kein anderes Argument für den byzantinischen liturgischen Primat als Stolz und historische Unwissenheit, entweder unabsichtlich oder absichtlich. Was im Wesentlichen durch dieses Argument gesagt wird, ist, dass Gott selbst nur die Liturgie ehrt, die von der byzantinischen Kirche in der Neuzeit gefeiert wird. Dies ist ein Argument, das nicht nur die liturgische Rechtmäßigkeit jedes westlichen Heiligen, dessen die Orthodoxen gedenken, negiert, sondern auch die der Heiligen des antiken Antiochien, Syrien, Alexandria und anderer.

Glauben wir das wirklich? Natürlich nicht. Jeder orthodoxe Christ erkennt die Orthodoxie des heiligen Gregors des Großen, des heiligen Benedikts von Nursia, des heiligen Kyrills von Alexandria, des heiligen Moses‘ des Äthiopiers und aller anderen nicht-byzantinischen Heiligen an. Warum um alles in der Welt verehren wir dann ihre Heiligkeit, verunglimpfen aber die Liturgien, die sie zu Heiligen gemacht haben?

Ein weiterer Faktor ist in diesem Zusammenhang das Bestreiten der Tatsache, dass sich der liturgische Ausdruck des byzantinischen Ritus geändert hat, indem davon ausgegangen wird, dass er von Anfang an statisch war. Das ist natürlich lächerlich. Die liturgische Gestaltwerdung und Entwicklung im Laufe der Zeit ist einfach eine dokumentierte Tatsache. Nehmen wir ein sehr frühes Beispiel: den Unterschied zwischen den Epiklesen in der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus und der Didache oder denen, die die ältesten Kirche gebrauchten. Sie sind sehr unterschiedlich und Beispiele für die liturgische Entwicklung innerhalb der orthodoxen Kirche. Wir könnten auch auf Doxologien und liturgische Gebete in der Heiligen Schrift, in den Briefen des hl. Paulus und anderswo hinweisen, die in der frühen Kirche verwendet wurden und von denen die orthodoxe Kirche nichts mehr verwendet. Daran ist nichts auszusetzen. Es zeigt vielmehr die Reifung der Kirche.

Bischof Jean-Nectaire (Kovalevsky) von Saint-Denis und der hl. Johannes (Maximowitsch) AD 1964.

Schließlich sollten wir auch auf unsere nicht allzu ferne Vergangenheit zurückblicken, auf die in der Diaspora lebenden Russen nach der Revolution. Insbesondere sollten wir nach Frankreich schauen, wo es die russische Kirche unter der Leitung des hl. Johannes Maximowitsch (ROCOR) als Teil ihrer Aufgaben ansah, die Liturgie des gallikanischen Ritus wiederherzustellen, die der orthodox-liturgische Ritus der früheren Bewohner Frankreichs (Gallien) ist. Der heilige Johannes und seine Anhänger hielten offensichtlich nicht an der Vorstellung fest, dass nur die Liturgien des byzantinischen Ritus für den orthodoxen Gottesdienst geeignet seien.

Nennen wir die Dinge beim Namen, und halten wir diese Kritik einfach für das, was sie ist: lächerlich. Diese Art von Argumentation, die auf einem statischen Äußeren beruht, hat zu dem Altgläubigen-Schisma in der russischen Kirche geführt, und es gibt keinen einzigen von uns, der nicht beklagt, was für eine schreckliche Tragödie das war. Wir müssen uns an unsere Brüder und Schwestern in Christus erinnern und ihre kulturellen Unterschiede würdigen, in denen die Wahrheit zu finden ist, wie es die Orthodoxie in der Vergangenheit immer getan hat. Betrachten wir dabei die wahre orthodoxe Vielfalt als einen Segen Gottes, als ein Zeichen seiner kreativen Energien, die durch Menschen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten wirken.

„Der westliche Ritus ist spalterisch!“

Es gibt diejenigen, die behaupten, dass die Existenz des westlichen Ritus innerhalb der Orthodoxie von Natur aus spalterisch sei. Sie argumentieren damit, dass die durch die westliche Orthodoxie hervorgerufene liturgische Veränderung eine ungebührliche Trennung zwischen den Orthodoxen des westlichen Ritus und ihren Brüdern des östlichen Ritus verursacht und einen Keil in die Einheit der Orthodoxen treibt.

Dieses Argument könnte möglicherweise eine gewisse Zugkraft haben, da es offensichtlich wahr ist. Die spalterischen Haltungen, die entstanden, waren jedoch weder das Ergebnis des WR selbst, noch haben sie sich in der Regel bei westorthodoxen Christen selbst manifestiert. Vielmehr sind diese Einstellungen im Allgemeinen das Ergebnis eines Mangels an Versuchen, den WR überhaupt wirklich zu verstehen.

Westorthodoxe Christen sind unsere Brüder und Schwestern im orthodoxen Glauben, nicht unsere Feinde oder Konkurrenten. Was wir bei dieser Argumentation sehen, ist in der Tat nichts weniger als der zügellose Phyletismus [Fixierung auf die eigene Nation], der in der orthodoxen Welt existiert. Diese spalterische Haltung besteht nicht nur zwischen den Orthodoxen des Ostritus und des Westritus, sondern auch zwischen Griechisch und Russisch, zwischen „orthodox von Geburt an“ und „konvertiert“ und den vielen „kriegführenden“ Jurisdiktionen in der Diaspora, die es sich aus Stolz und Hochmut schändlicherweise erlauben, in einer nicht-kanonischen Kirchenstruktur fortzufahren.

Seien wir mal wieder ehrlich zu uns. Wenn der westliche Ritus spalterisch ist, dann deshalb, weil wir noch kein Herz haben, das in christlicher Liebe und Nächstenliebe geformt ist. Unterschiede in der liturgischen Zeremonie führen noch nicht an sich zu einer solchen Trennung. Was zu Spaltungen führt, sind Stolz und der Glaube, dass das, was wir tun, der einzig „richtige“ Weg ist.

Um ehrlich zu uns selbst zu sein, müssen wir zugeben, dass die Vorstellung, dass es eine liturgische Einheitlichkeit auch nur innerhalb einer einzelnen nationalen Kirche oder Jurisdiktion oder bloß innerhalb der Gemeinden einer einzelnen Diözese gibt, eine völlige Fiktion ist. Etwas anderes zu sagen, ist einfach nicht ehrlich.

Eine Feier in den 1940ern in der Dreifaltigkeitskirche der St.-Sergius-Lavra der WR-Gemeinschaft in Paris mit Priestermönch Denis (Chambault, mitte).

„Was hat denn der westliche Ritus, was der östliche Ritus nicht hat?“

Diese Frage, die auch oft gestellt wird, habe ich absichtlich ans Ende meiner Darstellung gesetzt. Denn sie ist schwierig zu beantworten, da sie in der Regel so gestellt wird, dass eine Person, wie auch immer sie antwortet, beschuldigt werden kann, sie würde behaupten, der Orthodoxie fehle etwas.

Ich denke, statt in Begriffen von Fehlformen eines liturgischen Ausdrucks zu denken, ist es besser, auf die Stärke hinzuweisen, die die westliche Liturgie der Orthodoxie verleiht. Einfach ausgedrückt ist diese Stärke vor allem eines: das Vorhandensein von Stille.

Die byzantinischen Liturgien sind wunderschön, bewegend, majestätisch, und sie ziehen uns in den ewigen Augenblick hinein, darüber besteht keine Frage. Wenn wir jedoch die Liturgie des Westens untersuchen, stellen wir fest, dass die Stärke, die sie neben einer ebensolchen Schönheit und Erhabenheit mit sich bringt, von der Bedeutung herkommt, die die Stille in der Liturgie hat.

Wir können die Bedeutung der Stille (hesychia) in der orthodoxen Spiritualität nicht überbetonen, und wir haben Heilige, die Hesychasten, die ihr ganzes Leben der Suche und Erfahrung Gottes dem Bemühen um innere Stille widmen. Was der westliche Ritus uns bietet, ist ein Blickwechsel, uns während der Heiligen Liturgie auf die äußere und innere Stille zu konzentrieren. In der Tat gibt es ganze Teile der Messe, die in völliger oder fast völliger Stille gefeiert werden.

Beispielsweise geschieht die Vorbereitung der Heiligen Gaben, die wir im Osten als Proskomedie bezeichnen und die während der Liturgie im Westen stattfinden, in Stille. Und während der Wandlung ist der einzige Laut die leise Stimme des Priesters, der vor ihrer Erhebung über die Gaben betet. Dies ermöglicht es dem Volk, sich selbst zum Schweigen zu bringen und sich auf das Kommen Christi in der Eucharistie zu konzentrieren, wodurch die Möglichkeit geschaffen wird für eine Vorbereitung des Herzens ohne Ablenkung.

Es wäre ein Fehler, diesen Aspekt, der für unseren Glauben als Orthodoxe so zentral ist, verblassen zu lassen oder noch schlimmer, ihn zu ignorieren.

Schlussfolgerungen

Als Orthodoxe müssen wir uns selbst gründlich prüfen und beurteilen, ob unser Einwand gegen den WR, der auf diesem oder jenem Argumente beruht, auf wirklichen Tatsachen oder auf unserem eigenen Stolz beruht. Dies ist eine schwer einzusehende Wahrheit, aber wir müssen sie berücksichtigen. Wenn wir nicht bereit sind, unseren eigenen Stolz und unsere eigenen Vorlieben für das aufzugeben, was wir in dieser Hinsicht für richtig halten, werden wir nicht einmal in der Lage sein, in unseren Beziehungen zu anderen orthodoxen Gläubigen des östlichen Ritus vor der Spaltung zu fliehen. Wie traurig das doch ist. Wir müssen als Christen besser sein. Wir müssen alles, was uns zufällt, auf seine eigenen Verdienste und auf seine Treue zum apostolischen Glauben prüfen und dürfen unsere eigene Meinung nicht als Maß dagegen einwenden.

Letztendlich hat die Heilige Kirche die Feier der westlichen Liturgien gewährt und sie für orthodox erklärt. Diese Liturgien wurden von modernen Heiligen Gottes gefeiert, die ihren Gebrauch und ihr Wachstum förderten. Die orthodoxen westlichen Liturgien stärkten alle westlichen Heiligen des ersten Jahrtausends und speisten die Gläubigen mit dem Brot des Lebens. Somit ist das Gewicht ihrer Verdienste unwägbar, weil sie in Wahrheit die Erfahrung Christi von tausend Jahren und darüber hinaus in der Ewigkeit festhalten.

Die vielen orthodoxen Christen des östlichen Ritus, die dazu neigen, den Gebrauch des WR zu kritisieren, herabzusetzen oder sogar offen zu verfolgen, müssen ihre Motive dafür immer wieder überprüfen. Wenn der westliche Ritus erneut geprüft wird und es ihm an Orthodoxie mangelt, dann kann man ihn aufgeben. Wenn er jedoch in der Lehre und in der Praxis stichhaltig ist und Fürsprache und Zeugnis der Heiligen findet, dann soll er nicht nur bestehen bleiben, sondern auch gestärkt werden und die Mittel erhalten, zu wachsen und zu gedeihen, damit der Westen wieder neben dem Osten in der einheitlichen Verkündigung der heiligen Orthodoxie stehen kann.

Möge es so sein, um unseres großen Gottes und Erlösers Jesus Christus willen, dem alle Herrlichkeit und Ehre gebührt, mit seinem Vater, der ohne Anfang ist, und seinem allheiligen, guten und lebensschaffenden Geist, immerdar, jetzt und allezeit  und in alle Ewigkeiten. Amen.

Ein Diakon der orthodoxen Kirche 02.03.2016

[Anm. 1] Einigen wird möglicherweise das Zitat des Patriarchen Sergius von Moskau missfallen aufgrund seiner „Zusammenarbeit“ mit den sowjetischen Behörden. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die Kirche bestimmte Patriarchen von Konstantinopel als Heilige verehrt, die auf ähnliche Weise mit den osmanischen Behörden in der Türkei zusammengearbeitet haben.

Auswahl aus den Kommentaren

Vorleser Andreas Moran, 02.03.2016, 23:29 Uhr.
Der Artikel ist tendenziös und irreführend. Diese Kommentarkolumne ist nicht der Ort, um vollständig zu antworten, doch bleibt viel unausgesprochen, insbesondere in Bezug auf den hl. Raphael von Brooklyn. Ungeachtet dessen, was gesagt wird, ist die Göttliche Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus seit sehr vielen Jahrhunderten der Eckpfeiler der orthodoxen Anbetung, und wenn ein Konvertit zur Orthodoxie dies nicht akzeptiert, sagt dies bereits genug.
In Bezug auf die Andachtsformen des WR handelt es sich bei den angeblichen vorschismatischen Gottesdiensten überhaupt nicht um vorschismatische Gottesdienste, sondern um spätere römische Gottesdienste, in die eine orthodoxe Epiklese eingefügt wurde – was solche Gottesdienste nicht orthodox macht. Die sogenannte ‚Göttliche Liturgie des heiligen Tichon‘ ist ihm nicht zuzuschreiben und ein Beispiel dafür, dass Anglikaner und Episkopale einen kleinen Finger erhalten und dann gleich die ganze Hand nehmen, wie der heilige Raphael herausgefunden hat.
Und was ist mit den anderen Sakramenten neben der Eucharistie? Welche Form benutzt der WR für die Taufe und die Firmung, für die Ehe, für die Ordination, für das Begräbnis? Was für Gottesdienst-Formulare zu Akathisten und Kanones? Dass die Hierarchen den WR befürworten, ist nicht entscheidend – Hierarchen können sich irren.

Joseph, 03.03.2016, 2:54 Uhr.
Ich stimme dem Vorleser Andreas Moran zu. Als orthodoxer Laie besuchte ich eine Taufe im Ostritus und war schockiert. Der Taufgottesdienst fand nicht nur in etwa zehn Minuten statt, sondern später stellte ich fest, dass in dieser Zeit drei oder vier Taufen stattgefunden hatten. Ungefähr zwanzig Minuten zuvor sah mich der Priester geschockt an, als ich ihn um den Segen bat. Oh, du bist orthodox?, fragte er. Der Priester fragte, woher ich komme, und ich nannte ihm den Namen eines der wenigen orthodoxen Seminare in Amerika. Er hatte keine Ahnung, wo oder was das war.
Dies war, wohlgemerkt, ein paar Tage vor dem Fest der Geburt Christi. Wir hatten gehofft, hier an der Vesper teilnehmen zu können, aber sie wurde zugunsten einer sehr westlichen Weihnachtsfeier gestrichen. Persönlich weckten meine Erfahrungen in mir den Eindruck, als würde jemand „trautes Heim“ spielen, jemand, der von römisch-katholischer und anglikanischer Sentimentalität fasziniert ist und vielleicht noch übermäßig an ihr hängt.
Ich bin wirklich kein Gelehrter. Der Autor weiß vielleicht mehr als ich, also bitte vergib mir! Ich erkenne, dass der anonyme Diakon zutiefst fromm ist und gut gesprochen hat. Warum also anonym bleiben?

Evangelos N., 22.08.2017, 6:36 Uhr.
Ungeschnittene Haare und Bärte waren von Anfang an die allgemeine Praxis aller orthodoxen Geistlichen, und dafür gibt es tiefgreifende theologische Gründe: http://orthodoxinfo.com/praxis/clergy_hair.aspx
Das Rasieren der Bärte im Westen begann erst im 9. Jahrhundert und wurde von der Aachener Synode durchgesetzt, nicht überraschend dieselbe Synode, die das Filioque einfügte. Die Frage der Bartrasur war auch einer der Hauptgründe für das Schisma.
Ich bin schockiert zu lesen, dass der (anonyme) Autor dieses Artikels lange Bärte für eine islamische (!) Einführung in die Kirche hält. Nur eine historische Bemerkung macht die Absurdität dieser Behauptung deutlich: Wenn lange Haare und Bärte erst unter türkischer Besatzung begannen, wie konnte sich diese Praxis dann bei den Russen verbreiten, die gut 400 Jahre vor dem Fall Konstantinopels konvertierten? Offensichtlich wertschätzt der Autor den unglaublichen Kampf nicht, den das griechische Volk unter den Türken geführt hat, um die Reinheit seines Glaubens zu bewahren.

Nisibis, 08.11.2018 22:53 Uhr.
Entweder kennt der Diakon die Kanones der heiligen orthodoxen Kirche gar nicht, oder er versucht absichtlich, die Herde Christi zu täuschen.
Wir haben Kanones der Kirche, die den Gebrauch von ungesäuertem Brot verbieten, das der WR bis heute benutzt. Sie benutzen die „Hostie“, eine Erfindung der Latiner nach dem Schisma, und dieser Mann hat keine Ahnung, dass die Kanones unserer Kirche auch den Priestern befahlen, lange Bärte zu tragen, bevor der falsche Prophet Muhammad geboren wurde!
Zu sagen, dass die Art und Weise, wie unsere Priester sich kleiden und lange Bärte tragen, vom Islam stammt, ist verrückt! Aaron, der erste Priester, wurde von Gott geboten, seinen Bart niemals zu rasieren oder zu kürzen!
Haben die Herausgeber diesen Artikel vor dem Posten überhaupt gelesen?

Joseph A., 22.02.2019, 20:24 Uhr.
Hier kommt was. Ich wurde in eine französisch / irische katholische Familie geboren. Aber im Alter von 4 Jahren kam ich zu Pflegefamilien. Zwischen 10 und 17 Jahren bin ich schließlich in einer sehr strengen protestantischen Familie aufgewachsen. Als ich auf eigenen Füßen stand, habe ich mehrere Kirchen aller Art ausprobiert. Mitte der 40er Jahre suchte ich das traditionelle frühe Christentum.
Mit 48 Jahren verbrachte ich ein Jahr in einer griechisch-orthodoxen Gemeinde. Ich habe die Liturgie und die Tradition genossen. Aber sie war sehr ethnisch gesinnt und mir als Westler fremd. Ich habe kein Problem mit der östlichen Orthodoxie. Es ist gut für die Griechen, Russen, Rumänen und so weiter. Es ist toll, dass sie es haben. Was ich möchte, ist eine kulturell westlich orientierte orthodoxe Kirche. Immer noch traditionell, aber westlich.