Starezentum (Geistliche Begleitung)

Während die geistliche Begleitung in der Westkirche erst dank der ignatianischen Exerzitien in Zuge der Gegenreformation ihre Wiederentdeckung feierte, war sie im Osten durch das Mönchtum mehr oder weniger immer lebendig.

Sie knüpfte dort unmittelbar an die Tradition der ägyptischen Wüstenväter und -mütter an, die sich auf Paulus‘ verborgenes Leben beriefen, und wurde durch Mönche wie Athanasius den Großen (+ 373) und Basilius den Großen (+ 379) direkt in den Nord-Osten (Kappadokien und Pontus, heute Türkei) und durch Johannes Cassian (+ 435) und indirekt durch Benedikt von Nursia wie auch durch Palladius und Patrick in den Nord-Westen (Frankreich, Italien und Britannien wie Irland) gebracht. 

Die unmittelbare Weitergabe der Erfahrungen im „geistlichen Kampf“ – denn als solchen sahen die frühen Wüstenmönche ihr Glaubensleben an – geschah vom erfahrenen älteren Mönch an die Jüngeren, die mit einer sie drängenden Frage zu seinem Kellion (Zelle) kamen und sie oft stereotyp mit den Worten einleiteten: „Vater, gib mir ein Wort!“

Der Ältere – er heißt wörtlich auf Griechisch Gerontas und auf Russisch Starez – und sein Rat wurden zu einer nicht nur von Mönchen sondern auch von Laien gesuchten Institution.
Dies spiegelt auch die Regel Benedikts entfernt wider, wenn er die jüngeren Brüder verpflichtet, die alten Mitbrüder zu ehren und sie kindlich-liebvoll mit „Nonnus“ anzureden (RB 63,12; auch 4,70), wie heute noch in Italien der Großvater „nonno“ und in Deutschland die ehrwürdige Klosterschwester Nonne heißen.

Bis heute suchen Gläubige allen Alters Rat in Lebens- wie Glaubensfragen bei Nonnen und Mönchen, wofür Tony Hendra, der Erfinder der britischen Puppen-Satiresendung Splitting Image, mit der Darstellung seines jahrelangen geistlichen Begleiters Father Joe, eines Benediktiners der Quarr Abbey auf der Isles of Wight, 2004 ein berührendes Denkmal gesetzt hat. 

Vielleicht ist Benedikt von Nursia durch seine Klostergründungen der im Westen gegenwärtigste Kirchenvater, denn seine Regel hat in seinen Klöstern überlebt, während die Klöster eines Martin von Tour, eines Johannes Cassian oder die iro-schottischen Gründungen nach der Regel Columbans nicht mehr bestehen.

Durch die Mission der Kiewer Rus wurden die Stareze in Russland bekannt und verbreitet, und dies so sehr, dass die Bildung der „russischen Seele“ ohne das Starezentum nicht zu denken ist. Nicht zuletzt durch Dostojewskis Starez Sossima hat das Starezentum Eingang in die Literatur gefunden.
Wie diese Institution die stalinistisch-kommunistische Verfolgung überlebte und danach wieder aufblühte, zeigte kürzlich Bischof Tichon Schewkunow in seinem sehr lesenswerten Buch „Heilige des Alltags“.

Praxis: „Gib mir ein Wort“; individuell; Wunder inbegriffen, wie sie für wirkliche Charismatiker nicht ungewöhnlich sind: Fern-Sehen und Kardiognosie

Literatur:

1) Belletristik

Hendra, Tony: Father Joe. Der Mann, der meine Seele rettete. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, Freib. i. Br.: Herder 2005.

Schewkunow, Tichon: Heilige des Alltags.

2) Theolgoie

Schneider, Michael: