Rezensionen

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Hans-Joachim Schulz: Die byzantinische Liturgie. Glaubenszeugnis und Symbolgestalt. Dritte, völlig überarb. u. aktualisierte Auflage = Sophia. Quellen östlicher Theologie. Hrsg. v. Andreas Heiz, Bd. 5, Trier: Paulinus 2000.

Prof. Hans-Joachim Schulz (Jg. 1932), römisch-katholischer Priester und Jungmann-Schüler, lehrte von 1968 bis 1978 Liturgiewissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und danach bis zu seiner Emeritierung 1997 als ordentlicher Professor für Ostkirchengeschichte und Ökumenische Theologie an der Universität Würzburg.

Die drei Vorworte zu den jeweils circa zwei Jahrzehnte auseinander liegende Auflagen seiner Monographie zeigen, dass das Buch im Licht des damals beginnenden Zweiten Vatikanischen Konzils zu lesen ist und sich ganz dem Geist des damals neu einsetzenden Dialogs Roms mit der Orthodoxie verpflichtet weiß.
So konnte die Edition von 1964 bereits das bahnbrechende Treffen von Papst Johannes XXIII. und Patriarch Athenagoras vom Anfang desselben Jahres als Neubeginn der Beziehung zwischen beiden Kirchen würdigen, in dessen Folge im darauffolgenden Jahr die Anathemen wechselseitig aufgehoben wurden.
Die zweite Ausgabe von 1980 hebt dagegen auf die Liturgie- und die Kirchenkonstitution des Zweiten Vaticanums ab, die die symbolische Annäherung ab 1964 nun theologisch vertieften.
Die dritte Auflagen aus dem Jubeljahr 2000 nimmt in den Dialog zwischen der römischen und der orthodoxen Kirche die Orientalen hinzu. Der Ergänzungsteil der Erstauflage wurde in das Inhaltsverzeichnis integriert, und es erfolgte eine Überarbeitung sowohl „angesichts zwischenzeitlicher Neuerkenntnisse in liturgiehistorischen Fragen“ als auch „im Zusammenhang dogmengeschichtlicher Positionen“ (XI).

Der Ansatz dieser höchst lesenswerten Studie zur byzantinischen Liturgie ist liturgie- und zugleich dogmengeschichtlich und steht in der Tradition von Anton Baumstark. Dabei folgt der Autor der Chrysostmus-Liturgie, die zusammen mit der Basilius-Liturgie die eucharistische Hauptliturgie der Orthodoxie ist, nicht chronologisch im Sinne ihres Ablaufs, sondern genetisch im Sinne der Entstehtung ihrer Elemente.
Zum Beispiel wird der justinianische Hymnus Du einziggeborener Sohn (III.2) nach dem Triahagios-Hymnos (III.1) behandelt, obwohl er gemäß dem Ordinarium der Liturgie vorher – nach der zweiten Antiphon – gesungen wird; ebenso wird die Gabenübertragung des Großen Einzugs als Exkurs nach Kap. IV. dargelegt und somit vor der Darstellung der Proskomedie (V.B.). Dies entspricht – wie gesagt – der Ablauf gemäß ihrer Entstehung, denn die Proskomedie wurde es in späterer Zeit vor die Liturgie der Katechumenen verlegt.

Immer wieder werden die Vollzüge der Chrysostomus-Liturgie in den weiten Zusammenhang der Symbolik der Kirchenraumes (Architektur in IV.A u. VI.A) oder des Bildes (Ikonoklasmus, V., und Ikonographie, VII.A) gestellt. Damit greift diese Untersuchung weit über das rein Liturgiewissenschaftliche hinaus auf andere Disziplinen über, was einen enormen Zugewinn der Lektüre jenseits der Fachgelehrsamkeit bedeutet.

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Karl Christian Felmy: Orthodoxe Theologie der Gegenwart. Eine Einführung, Darmstadt: WBG 1990.

Prof. Karl Christian Felmy, 193 in Schlesien geboren, lehrte als evangelisch ordinierter Theologe von 1982 bis 1985 Konfessionskunde an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. 1985 wurde er auf den Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens der Universität Erlangen-Nürnberg berufen, wo er 2003 emeritiert wurde.

Auf seine Bitte hin nahm ihn 2007 die Berliner Diözese der russisch-orthodoxen Kirche auf und weihte ihn später zum Diakon mit dem Namen Vr. Wassilij. Altersbedingt sieht er sich nicht in der Lage, in Zukunft auch einen priesterlichen Dienst auszuüben.

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Pavel Florenskij: Die Ikonostase. Urbild und Grenzerlebnis im revolutionären Rußland. Einführung [u. Übers.] von Ulrich Werner, Stuttgart: Urachhaus 1988 [OA: 1922. Übersetzt nach der ersten und ungekürzten Veröffentlichung in Bogoslovskie trudy 9 (1972), S. 83-148)].

Bis der Autor auf sein eigentliches Thema „Ikonostase“ und den Titel des Buches zu sprechen kommt, nimmt er Anlauf über interessante Ausführugen zu den Themen Zeit und Traum.

S. 48: „Die Träume sind also diejenigen Bilder, die die sichtbare Welt von der unsichtbaren Welt trennen, die diese Welten trennen und sie zugleich vereinen. Durch diesen Grenzort der Traumbilder wird ihr Verhältnis sowohl zu dieser als auch zu jener Welt konstituiert.“

S. 49: „Der Traum bezeichnet den Übergang von einer Sphäre in eine andere und ist ein Symbol. Wofür? Vom Höheren her ein Symbol des Niederen, und vom Niederen her ein Symbol des Höheren. Jetzt ist verständlich, daß ein Traum entstehen kann, wenn das Bewußtsein gleichzeitig beider Ufer des Lebens inne ist, wenn auch mit unterschiedlichem Grad an Klarheit.“

S. 50: „Von der Wirklichkeit ins Imaginäre gehend, gibt der Naturalismus ein imaginäres Bild des Wirklichen, ein banales Ebendbild des alltäglichen Lebens; die umgekehrte Kunst aber, der Symbolismus, verkörpert in wirklichen Bildern eine andere Erfahrung, und dadurch wird das, was er gibt, zu einer höheren Wirklichkeit.“

S. 62f.: „Das Asketentum ist eine Kunst; auch der Asket bezeugt und beweist die Wahrheit – die Wahrheit der Realität, die echte Realität –, nicht durch seine Worte, sondern durch sich selbst, zusammen mit Worten, die seine eigenen sind, aber nicht abstrakt, nicht durch abstrakte Argumentation.“

S. 65f.: „Die Kirche ist der Weg des Aufstiegs ins Höhere. Dies gilt in der Zeit: Der Gottesdienst, diese innere Bewegung, innere Gliederung der Kirche, führt auf der vierten Koordinate, der Tiefe, nach oben. Aber auch im Raum: Die Organisation der Kirche, die von den äußeren Hüllen zum Kern führt, hat dieselbe Bedeutung. Genauer gesagt ist dies nicht dasselbe im Sinn eines ebenso Beschaffenen, sondern buchstäblich, numerisch dasselbe, obwohl es in bezug auf andere Koordinaten betrachtet wird. Der räumliche Kern der Kirche deutet sich über die Hüllen an: Hof, Vorhalle, die Kirche selbst, Altar, Bischofsthron, Altardecke, Kelch, die Heiligen Sakramente, Christus, Gottvater. Die Kirche ist, wie oben dargelegt, eine Jakobsleiter, und sie führt vom Sichtbaren hinauf ins Unsichtbare; aber schon der Altar als Ganzes ist ein Ort des Unsichtbaren, ein von der Welt getrenntes Gebiet, ein Raum, der nicht von dieser Welt ist. Der ganze Altar ist Himmel: ein geistiger, geistig erfaßbarer Ort, τόπος νοερός, ja sogar τόπος νοητός, mit einem »überhimmlischen geistigen Altar«.“

Kurz, bevor auf S. 68 das Wort Ikonostase fällt, steigt der Text steil in die Höhe der Engelssphären auf. Sie sind die sichtbar-unsichbaren Grenzgänger und Zeugen der unsichtbaren jenseitige Kirche, von der die irdische Kirche umgeben ist, oder genauer gesagt: in die die sichtbare Kirche eingepfercht ist.
Der Altar wird zur Grenzmarke, die jedoch schon im Jenseitigen liegt, während die Ikonostase als Bannmeile nicht eigentlich die Welten trennt, sondern die Welt des Sichtbaren eher umfriedet. „Im Frieden lasst uns beten zum Herrn …!“ Doch schweife ich hier mit eigenen Worten ab.

Unsichtbare Grenzgänger und -künder sind die Engel für den, dem das geistige Sehen abgeht. Daher ist die Ikonostase ein Sehhilfe des Geistigen:
„Da das geistige Auge der Betenden schwach ist, muß die Kirche in Fürsorge um sie der geistigen Schlaffheit Abhilfe schaffen: Sie muß diese hellen, klaren und lichten Visionen markieren, stofflich befestigen, ihre Spur durch Farbe binden. Aber diese Krücke der Geistigkeit, die stoffliche Ikonostase, verbirgt nichts vor den Gläubigen – keine interessanten und pikanten Geheimnisse, wie es sich manche in Ignoranz und Selbstliebe vorgestellt haben –, im Gegenteil, sie weist ihnen, den Halbblinden, die Geheimnisse des Altars, eröffnet ihnen, den Lahmen und Krüppeln, den Zugang in eine andere Welt, die ihnen aufgrund ihrer eigenen Geistesträgheit verschlossen ist, schreit ihnen vom Himmelreich in die die tauben Ohren, da sich erwiesen hat, daß die Rede in gewöhnlicher Lautstärke nicht zu ihnen dringt“ (69).

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Pavel Florenskij: Die umgekehrte Perspektive. Texte zur Kunst. Aus dem Russischen übers. u. hrsg. v. André Sikojev, München: Matthes & Seitz 1989 [OA: Moskau 1920].

Indem naturalistischer Realismus – besonders mittels der Zentralperspektive (ZP) – die Wirklichkeit abbildete, machte er die Natur gleichzeitig zu einer dekorativen Kulisse. Demgegenüber näherten sich Darstellungen vor der Renaissance gerade durch die unrealistischen Verzerrungen ihrer umgekehrten Perspektive (UP) – etwa bei Ikonen – genauer der Wahrheit der Dinge und damit den paradoxen Erscheinungsweisen Gottes (z. B. als Dornbusch, der brannte und doch nicht verbrannte oder als leuchtende Wolke in der Nacht) sowie den unnachahmlichen Dimensionen, in denen Gott schafft, misst und die Welt ins Sein setzt. Auf diese beiden wichtigsten Thesen lässt sich Pavel Florenskijs Ansatz in diesem Buch vorsichtig zusammenfassen.

Die Erfindung der ZP in der Renaissance sah er dagegen als Akt, den Menschen zum Maß aller Dinge zu machen, zum Subjekt der Wahrnehmung und zugleich zu ihrem bevorzugten Objekt. Mathematisch, technisch und künstlerisch war die ZP längst seit der Antike möglich, doch schien die Kunst sie nicht zu interessieren, ja, geradezu zu meiden.

Doch Pavel Florenskij verstand seine Gedanken nicht als Beitrag zur Kunstgeschichte, sondern zur Rettung der christlichen Kunst Russlands vor der Vernichtung durch die Liquidatoren der leninistschen Volkskommissariate, die nach der kommunistischen Oktober-Revolution von 1917 in der Kirche eine bürgerliche-antirevolutionäre Institution sahen. Und mit der Kirche als Organisation rückten die Kirchen als Kulturgüter in denselben Zusammenhang.
Florenskij stand daher vor der paradoxen Herausforderung, revolutionären Russen die Hauptwerke jahrhundertealter religiöser Kunst als ihr eigenes kulturelles Erbe zu vermitteln, damit sie sie nicht unwiederbringlich zerstörten.

Dass dies alles Florenskij nicht nur nicht gelang, sondern er als orthodoxer Priester selbst Opfer dieser Vernichtungswut wurde, gehört zur Tragödie Russlands im 20. Jahrhundert.

Pavel Florenskij: Werke in zehn Lieferungen. Hinweis auf die Werke in zehn Lieferungen.

Pavel Florenskij: Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit. [OA:] Hinweis auf das Projekt.

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