Glaubensfeier (Liturgia)

Noch auf Erden oder schon im Himmel?
Sich Gott durch Schönheit nähern

Der Legende der Nestorchronik nach wurden die Kiewer Rus durch die Schönheit der byzantinischen Liturgie zur Orthodoxie bekehrt. 

Großfürst Wladimir hatte Vertretern verschiedener monotheistischer Religionen nach Kiew eingeladen und sich ihren Glauben schildern lassen. Beeindruckt von der Darstellung des orthodoxen Vertreters schickte er eine Gesandtschaft nach Konstantinopel.
Als sie zurückkam, berichteten die Gesandten, dass sie nach einem Gottesdienst in der Hagia Sophia  nicht mehr wussten, ob sie „noch auf der Erden oder schon im Himmel“ waren. Damit war die Wahl des Großfürsten klar.

Vergleich zwischen katholischer und orthodoxer Liturgie

Gut ist es, unserem Gott zu singen und zu spielen,
ja, schön und angemessen ist für ihn Lobgesang.

Psalm 147,1

Überhaupt ist Schönheit vorzüglich geeignet, um sich dem Höchsten anzunähern. In den Worten des damaligen Joseph Kardinal Ratzingers* mit Blick auf Rubljows Dreifaltigkeitsikone:
„Das Hinschauen auf die Ikone, überhaupt auf die großen Bilder christlicher Kunst, führt uns einen inneren Weg, einen Weg der Überschreitungen, und bringt uns so, in dieser Reinigung des Schauens, die eine Reinigung des Herzens ist, die Schönheit zu Gesicht, einen Strahl von ihr. Gerade so bringt sie uns mit der Macht der Wahrheit in Berührung.

Die Erfahrung des Schönen hat eine neue Tiefe, einen neuen Realismus empfangen. Der, der die Schönheit selber ist, hat sich ins Gesicht schlagen, sich anspucken, sich mit Dornen krönen lassen. Aber gerade in dem so entstellten Gesicht kommt die wahre, die letzte Schönheit zur Erscheinung: die Schönheit der Liebe, die „bis zum Letzten“ geht und sich eben darin stärker erweist als die Lüge und die Gewalt. Wer diese Schönheit wahrgenommen hat, weiß, dass eben doch die Wahrheit und nicht die Lüge die letzte Instanz der Welt ist. Nicht die Lüge ist „wahr“, sondern eben die Wahrheit: Es ist ein neuer Trick der Lüge, dass sie sich selbst als solche darstellt und uns sagt: Über mich hinaus gibt es letztlich nichts; hört auf, nach der Wahrheit zu suchen oder gar sie zu lieben.

Die Ikone des Gekreuzigten befreit uns von dieser heute übergewaltigen Einrede; sie setzt allerdings voraus, dass wir uns mit ihm verwunden lassen und der Liebe trauen, die es riskieren konnte, die äußere Schönheit abzulegen, um gerade so die Wahrheit der Schönheit zu verkünden. Wer kennt nicht das Wort von Dostojewski „Die Schönheit wird uns erlösen“. Man vergisst aber meist zu erwähnen, dass Dostojewski mit der erlösenden Schönheit Christus meint. Ihn müssen wir sehen lernen.“ (Zitat Ende)

* Aus einem Artikel des Kardinals mit demTitel „Die verwundete Schönheit“. Diesen Lektürehinweis verdanke ich Br. Barnabas von der Hochkirchlichen St.-Johannes-Bruderschaft.