Durch das Wort gestorben, für das Wort gelebt: P. Kilian Kirchhoff OFM

Zur Erinnerung an den Übersetzer und „Brückenbauer zwischen Ost- und Westkirche“, der am 24.04.1944 hingerichtet wurde

Auf der Suche nach deutschsprachigen Übersetzungen ostkirchlicher liturgischer Texte stößt jeder früher oder später unweigerlich auf die heute raren antiquarischen Ausgaben des Franziskanerpaters Kilian Kirchhoff aus dem sauerländischen Rönkhausen.

Als Schüler des berühmten Liturgiewissenschaftlers Anton Baumstark erschloss er von 1930 bis 1940 durch seine Übersetzungen wesentliche schriftliche Quellen der Orthodoxie und veröffentlichte sie, teils mit Vorbemerkungen des Professors versehen. Sie wurden wiederum in 39 Sprachen übersetzt und auf vier Kontinenten verbreitet (Meinolf Lüttecke):

Licht vom Licht: Hymnen. Symeon der Neue Theologe, Hellerau: Hegner 1930;
Die Ostkirche betet. Hymnen aus den Tagzeiten der byzantinischen Kirche, 4 Bde., Leipzig: Hegner 1934–1937 (Triodion, deutsch);
Osterjubel der Ostkirche. 2 Bde., Münster: Regensberg 1940 [- 1943] (Pentekostarion, deutsch);
In paradisum. Totenhymnen der byzantinischen Kirche, Münster: Regensberg 1940;
Ehre sei Gott. Dreifaltigkeitshymnen der byzantinischen Kirche, ebd. 1940;
Über dich freut sich der Erdkreis. Marienhymnen der byzantinischen Kirche, ebd. 1940. (Wikipedia)

In den sechziger Jahren wurden diese wertvollen Bände von P. Chrysologus Schollmeyer OFM in überarbeiteter Form wieder herausgegeben:
Die Ostkirche betet erschien 1962/63 in zwei Bänden. In je einem Band wurden die drei Bücher mit den byzantinischen Hymnen der Ostkirche (1960) sowie der Ostjubel der Osterkirche (1961) neu aufgelegt. Das letztgenannte Buch erfuhr zudem 1988 eine dritte Auflage durch Johannes Madey.

Diesem kundigen Übersetzer fremder Worte sollten ausgerecht seine eigenen Worte zum Verhängnis werden.

P. Kilian Kirchhoff (1892-1944), Übersetzer und Brückenbauer zwischen Ost und West

Schon früh machte der junge Pater aus seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus keinen Hehl.
„So antwortete er im August 1936 dem Hausdiener des Paderborner Franziskanerklosters in Paderborn auf die Bemerkung, er sei aber während seines Ferienaufenthaltes nicht braun geworden: »Ach, Bernhard, braun ist nicht mehr modern«“ (Rainer Asshauer, in: Der Westen, vom 21.04.14).

Seit 1941 wusste P. Kilian, dass er überwacht wurde, da er nicht der Reichsschrifttumskammer beigetreten war, sondern stattdessen in einem Antrag um Befreiung vom Beitritt gebeten hatte. Das brachte die Nationalsozialisten gegen ihn auf.

Im Oktober 1942 nahm schließlich die Katastrophe ihren Lauf: P. Kilian Kirchhoff begab sich „zu einem Erholungsaufenthalt nach Wiedenbrück. Zuvor besuchte er noch vom 6. bis zum 8. Oktober 1942 eine Familie, zu der er freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Obwohl er wusste, dass Maria Gies, eine der beiden Töchter des Hauses eine überzeugte Nationalsozialistin war, machte er einige unbedachte Äußerungen über den Krieg und führende Nationalsozialisten. Bereits einen Tag später erstattete Maria Gies Anzeige“ (R. Asshauer, aaO).

Doch erst rund ein Jahr später – am 21. Oktober 1943 – wurde P. Kilian in Dortmund verhaftet. „Er wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. »Jetzt geht der Kopf ab«, sagte er, als der Gestapo-Beamte ihn zur Vernehmung abholte“ (R. Asshauer, aaO).

Den Prozess in Berlin führte am 7. März 1944 der wegen seiner die Angeklagten erniedrigenden Prozessführung, die oft mit dem Todesurteil endete, berüchtige Vorsitzende des Volksgerichtshofes Roland Freisler.
„Außer den Behauptungen dieser Frau lagen keinerlei »Beweisstücke“ vor. Roland Freisler verzichtete ausdrücklich auf ihre Vereidigung, fragte sie jedoch, ob sie den Angeklagten (Pater Kirchhoff) hasse. »Nein«, antwortete die Denunziantin, sie »hasse nur die Priester der katholischen Kirche, weil sie Gegner des Nationalsozialismus sind«. Freisler hatte eigentlich nur den ersten Teil dieser Antwort hören wollen.“ (Peter Bürger: Das Schweigen der Bischöfe, in: Telepolis vom 24.04.14).
Freisler nutzte rhetorische Fragen, um P. Kilians Leistungen zu verhöhnen: „Was liegt uns an der byzantinischen Kirche? Was tun wir mit Marienhymnen? Wir müssen siegen!“ (M. Lüttecke)
Sein Todesurteil war zwei Stunden später amtlich. Am 24. April 1944 um 15.20 Uhr erfolgte die Hinrichtung unter dem Fallbeil.

Unrühmlich bleibt wohl die Rolle des Erzbischofs von Paderborn. Auf den bekannten Listen der Unterzeichnern von Gnadengesuchen fehlt jedenfalls sein Name. Vieles deutet darauf hin, dass sich Erzbischof Lorenz Jaeger, der manchem als überzeugter Unterstützer der Nationalsozialisten gilt, sich nicht für den Ordensmann aus seinem Erzbistum, den er selbst zum Priester geweiht hatte, einsetzte (vgl. dazu P. Bürger, aaO; s. auch die aktuelle Veröffentlichung „Deutsche Bischöfe im Weltkrieg„).

Für die Neuausgabe in vier Bänden wurde Kirchhoffs Übersetzung nicht nur gekürzt, sondern auch stilistisch überarbeitet. Hierzu hielt der Herausgeber im ersten neuaufgelegten Band (Hymnen der Ostkirche, Münster: Regensberg 1960) folgenden Hinweis für angebracht:

Die zweite Auflage des von P. Kilian Kirchhoff übersetzten Triodions

„Die Überarbeitung der Erstauflage ist fast ausschließlich stilistischer Art. Wohl unter dem Einfluß literarischer Stil- und Formwandlungen seiner Jugendjahre entwickelte Kirchhoff, sonst als sprachmächtiger Übersetzer anerkannt, ein eigenwilliges Syntaxgefüge, das mit dem normalen deutschen Sprachempfinden nicht ganz in Einklang kommt. Dies ist auch in der durchweg anerkennenden Kritik das einzige, was auszusetzen war. Wissenschaftliche Zuverlässigkeit sowie Prägnanz und Glanz der Wortwahl haben Theologen, Byzantinisten, Altphilologen und Germanisten unter Kontrolle gehabt. So konnte unter möglichst pietätvoller Wahrung der Erstform, das Augenmerk auf syntaktische Glättung konzentriert werden, wodurch immerhin an die 500 ‚Strophen‘ berührt wurden. Es will scheinen, daß die Hymnen lesbarer geworden sind[,] und daß die Hemmungen entfallen, die einer freudigeren Verwendung im literarischen und sakralen Bereich im Wege standen“ (S. 7).

Das klingt nach einem jungen und dynamischen Ordensmann, dem der Herausgeber noch postum sprachliche Zügel meint anlegen zu müssen.
Leider war es mir vor dem Verfassen dieses Beitrag nicht möglich, die Erstauflage mit späteren Auflagen zu vergleich. Daher kann der Übersetzer, dessen hier gedacht wird, nur in einer stilistisch überarbeiteten Form und auszugsweise das letzte Wort haben. Doch selbst diese ist beeindruckend.

Der griechische Originaltext aus der ersten Stasis des Enkomions vom Karsamstag samt Zählung der Strophen findet sich bei P. Kilian Kirchhoff nicht, wird aber zum Vergleich seiner Sprachkunst hinzugefügt (Die Ostkirche betet, Bd. 2, Münster: Regensberg 1963, S. 432):

ΣΤΑΣΙΣ ΠΡΩΤΗ

1. Ἡ ζωὴ ἐν τάφῳ,
κατετέθης Χριστέ,
καὶ Ἀγγέλων στρατιαὶ ἐξεπλήττοντο
συγκατάβασιν δοξάζουσαι τὴν σήν.


2. Ἡ ζωὴ πῶς θνῄσκεις; πῶς καὶ τάφῳ οἰκεῖς; τοῦ θανάτου τὸ βασίλειον
λύεις δέ, καὶ τοῦ ᾅδου τοὺς νεκροὺς ἐξανιστᾶς.

3. Μεγαλύνομέν σε, Ἰησοῦ Βασιλεῦ, καὶ τιμῶμεν τὴν Ταφὴν καὶ τὰ Πάθη σου, δι‘ ὧν ἔσωσας ἡμᾶς ἐκ τῆς φθορᾶς.

4. Μέτρα γῆς ὁ στήσας, ἐν σμικρῷ κατοικεῖς, Ἰησοῦ παμβασιλεῦ τάφῳ σήμερον, ἐκ μνημάτων τοὺς θανόντας ἀνιστῶν.

5. Ἰησοῦ Χριστέ μου, Βασιλεῦ τοῦ παντός, τί ζητῶν τοῖς ἐν τῷ ᾅδῃ
ἐλήλυθας; ἢ τὸ γένος ἀπολῦσαι τῶν βροτῶν.


6. Ὁ Δεσπότης πάντων, καθορᾶται νεκρός, καὶ ἐν μνήματι καινῷ
κατατίθεται, ὁ κενώσας τὰ μνημεῖα τῶν νεκρῶν.

7. Ἡ ζωὴ ἐν τάφῳ κατετέθης Χριστέ,
καὶ θανάτῳ σου τὸν θάνατον ὤλεσας,
καὶ ἐπήγασας τῷ κόσμῳ, τὴν ζωήν.


[…]

ERSTE STASIS DES ENKOMION

1. Du, Christus, das Leben,
wurdest dem Grab übergeben.
Erfüllt wurden die Heere der Engel mit Beben, die deine Herablassung rühmend erheben.

2. Leben, wie stirbst du, wie bewohnst du gar das Grab? Des Todes Reich vernichtest du, des Hades Tote richtest du auf.

3. Wir preisen dich, Jesus, o König,
Wir verehren dein Grab, deine Leiden, durch die du uns vom Verderben errettet hast.

4. Der du der Erde ihre Weite gegeben, du wohnest heute in der Enge des Grabes, Jesus, Allherrscher, und erweckst aus dem Grüften die Toten.

5. Jesus, mein Christus, du König des Alls, was suchst du, daß du zu den Hadesbewohnern stiegst? Zugrunde zu richten der Sterblichen Art?

6. Der Herrscher aller wird als Toter geschaut. Und in einem neuen Grabmal wird beigesetzt, der die Grüfte der Toten beraubt.

7. Du Christus, das Leben, wurdest dem Grab übergeben. Durch deinen Tod hast du den Tod vernichtet und der Welt geöffnet die Quelle des Lebens.

[…]

Hinweistafel am kath. Pfarrheim in Rönkhausen, das den Namen Pater-Kilian-Heim trägt.
Foto: Meinolf Lüttecke
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