Nemesius von Homs (Νεμέσιος Εμέσης / نيميسيوس حمص) – ein großer Unbekannter, der Ost und West verbindet. 1. Teil

von Br. Raphael

قام نيميسيوس(390) اسقف حمص في سوريا بتطوير نظرية الدماغ كمقر للروح وصفاتها من خيال وفكر وذاكرة، ( الطبيعة الإنسانية)

Zusammenfassung: Nemesius (um 390), Arzt, Bischof und Philosoph aus Homs in Syrien, entwickelte die Theorie des Gehirns als Sitz der Seele und ihrer Qualitäten von Vorstellungskraft, Denken und Gedächtnis (Über die menschliche Natur). Seine Schriften wurden fälschlich unter prominentem Namen tradiert und in lateinischer Übersetzung auch im Westen mit großem Interesse u. a. von Albertus Magnus rezipiert.

Nomina sunt numina – Namen sind Geheimnisse
oder: Die vielen Namen des Nemesius

Schon mit seinem Namen beginnen die Schwierigkeiten: Im Mittelalter findet er sich gelegentlich unter der latinisierten Bezeichnung Nemesius Emesenus oder als Nemesius von Emesa.

Die Hirnventrikel und ihre Funktionen nach Nemesius, aus der Philosophia naturalis des Albertus Magnus, Basel 1506 (dazu s. u.)

Zurecht erinnert jedoch Khalil Samir mit seiner Veröffentlichung der arabischen Übersetzung von Nemesius‘ griechischen Schriften unter dem Titel Les versions arabes de Némésius de Ḥomṣ (Rom 1986) daran, dass das einstige Emesa das heutige Homs in Syrien ist – eine Stadt, die 2016 international bekannt wurde, weil sie die schon katastrophalen Nachrichten aus dem syrischen Bürgerkrieg noch an Tragik übertraf. Heute gibt es dort in den Trümmern wieder Hoffnung.

Ging der Name Nemesius Emesenus mittelalterlichen Kopisten derart schlecht von der Feder, dass sie ihn wie selbstverständlich mit dem des bekannten Nixenus oder Nyssenus verwechselten und ihm, also Gregor von Nyssa, das Werk des Emeseners De natura hominis zuschrieben, weshalb es lange fälschlich unter dem Namen des prominenten Kirchenvaters überliefert wurde?
Tatsächlich war es jedoch – trotz des weniger theologischen denn medizinisch-naturwissenschaftlichen Stils des Emeseners – die starke inhaltliche Verwandschaft zwischen Gregor und Nemesius, die zur Verwechselung dieses mit jenem führte.

Die Stadt Homs und ihre berühmten Kinder

Doch Nyssa in Kleinasien hat mit dem syrischen Emesa wenig gemeinsam. Die Ursprünge Emesas bzws. Homs‘ reichen bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurück. Aufgrund seiner günstigen geographischen Lage wurde es schnell weltgeschichtlich bedeutsam. Sein Klima ist durch den Fluss Orontes mild und feucht, was gerade auch im trockenen Westen Syriens begünstigend ist. Es wurde zudem wohlhabend, weil es an der Krawanenstraße zum Persichen Golf lag.

Homs ist vom Mittelmeer Luftline ungefähr 80 km entfernt. Der gesamte Mittelmeer-Raum ist bekanntlich Siedlungsgebiet der Griechen gewesen, die es nach Platon umringten wie Frösche einen Teich. In diesem Fall waren die Griechen durch das Seleukidenreich vertreten, das in der Nachfolge Alexanders des Große zu den hellenistischen Diadochenstaaten gehörte.
Dieses Gebiet beanspruchte im ersten Jahrhundert vor Christus das Volk der Emeser, das für ein semitisches Nomandenvolk aus dem arabischen Raum gehalten wird, und besetzte es.

Klugerweise paktierten die Fürsten von Emesa danach mit der neuen Supermacht am Mittelmeer – den Römern. Dadurch gewann Emesa weiter an Bedeutung und geriet so sehr in das strategische Blickfeld der römischen Kaiser, dass Domitian Emesa schließlich – unter Verlust der bisherigen Eigenständigket – in seine Provinz Syria eingliederte.

Mehrere Meilensteine aus der reichen Geschichte Homs seien nun kurz anhand ihrer berühmtesten Söhne dargestellt.

Kaiser Marcus Aurelius Antoninus,
genannt Elagabal (218-222), aus Emesa

Emesa wurde dermaßen römisch, dass aus ihm sogar ein römischer Kaiser namens Elagabal hervorging. Er gehörte zu den wundersamsten Imperatoren, die das skandalverwöhnte Rom je gesehen hat. Denn er zogt 219 (n. Chr.) in die Ewige Stadt ein mit einem bienenkorbförmigen schwarzen Stein (ein Meteorit, wie in der Kaaba von Mekka?) im Gepäck, um in der Ewigen Stadt relativ rücksichtslos den mit dem Stein verbundenen Kult des Sonnengottes Elagabal, dessen Namen er gleich selbst programmatisch annahm, einzuführen. Bald wurde der junge Kaiser in seinen kreischbunten Gewändern als Oberpriester zum Synonym für orientalische Dekandenz und Lasterhaftigkeit (mehr dazu in Martijn Icks lesenswerter Darstellung auf S. 8f. und 26-58).
Die nun arbeitslos gewordene Kaste der Tempelpriester war dann auch im Hintergrund beteiligt, als er nach nur drei Jahren 222 n. Chr. als Kaiser ermordert wurde. Der verhaßte Schwarze Stein wurde anschließend stillschweigend aus Rom entfernt und angeblich wieder nach Emesa verbracht, wo sich jedoch seine Spuren im Treibsand der Geschichte verlieren.

Zweite Auffindung des Hauptes
des hl. Johannes des Täufers nahe Emesa

Für die Christenheit und speziell für die Orthodoxie, die diesen Tag liturgisch festlich feiert, verbindet sich mit Emesa ein anderes wichtiges Ereignis, denn in einem Kloster nahe der Stadt wurde im Jahr 452 die lange verloren geglaubte Reliquie des Hauptes des Johannes des Täufers erneut wiedergefunden.

Mit der Kirche von Antiochien feiert die gesamte Orthodoxie diesen Tag als die sog. „zweite Auffindung des Hauptes des hl. und ruhmreichen Propheten und Vorläufers Johannes des Täufers“. (Es gibt auch noch ein Gedächtnis der 3. Auffindung, mehr dazu hier).

Das Troparion des hl. Vorläufers Johannes (Ton 4):
„Das Haupt des Vorläufers wurde aus der Erde ans Licht gebracht, unsterbliches Licht und Heilungen gewährt es den Gläubigen. Droben versammelt sich der Engel Schar, drunten ruft das Menschengeschlecht zu Christus, Gott, einstimmigen Lobpreis.“

Romanos Melodos (Ca. 485-560), der Hymnograph und theorrhetor aus Emesa

Auch Romanos Melodos ist ein Sohn Emesas, wo er um das Jahr 485 geboren wurde. Die orthodoxe Kirche verehrt ihn als Heiligen. Er wird Gottredner, theorrhetor, genannt, wohl deshalb, weil er bei seinen Komponistionen als Quelle reichhaltig aus den Kirchenvätern schöpfte. Seine Hymnen sind somit gesungene Theologie.

Papst Anicetus (ca. 100-166),
10. Bischof von Rom,
geboren in Emesa

Sogar ein römischer Papst kommt aus Emesa:
Die älteste Liste der Bischöfe von Rom bei Irenäus von Lyon nennt Anicetus als den zehnten in der Reihe der Nachfolger des Petrus; sein Geburtsort Emesa wird im Buch der Päpste genannt. (Quelle)

Der zweite Teil dieses Beitrags wird fortgesetzt werden mit folgenden Ausführungen:

Nemesius‘ erste christliche Anthropologie

Ein weiterer bedeutenden Sohn der Stadt Emesa bzw. Homs ist – wie bereits erwähnt – Nemesius. Er gilt als einer der frühen Bischöfe von Homs (vom Ende des 4. Jhs.) und als Autor der ersten christlichen Anthropologie mit dem Titel Über den Menschen, in die sehr viel von seinem Wissen als Arzt und aus seiner umfassenden Kenntnis der griechischen Philosophie einfloß. So gilt seine Beschreibung des menschlichen Gehirns und seiner Funktionen als bahnbrechend.

Kirchenväter bedienten sich bei Nemesius

Von Johannes von Damaskus ist erwiesen, dass er Nemesius‘ Schrift höchst intensiv als faktenreichen Steinbruch zum Thema Mensch nutzt, wie Helen Brown Wicher (S. 35f.) in einer Übersicht dargestellt hat.

Der hl. Johannes von Damaskus kannte Nemesius‘ Schrift gut (Ikone aus St. Dimitrios, Köln)
Albertus Magnus (ca. 1200-1280)
hielt Nemesius für Gregor von Nyssa

Nachdem Nemesius‘ Schrift über den Menschen ins Lateinische übersetzt worden war, entdeckten ihn auch scholastische Gelehrte wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin – allerdings unter falschem Namen.

Literatur (in stark beschränkter Auswahl):

1. Quellen:
Nemisus Emesenus: Perí physeōs anthrōpou / De natura homini. Graece et latine, ed. Chr. Fr. Matthaei, Halle 1802 (ND Hildesheim: Olms 1967 / 2013).
1.1 Arabische Übersetzungen:
– Samir, Khalil SJ: Les versions arabes de Némésius de Ḥomṣ, in: L’eredità classica nelle lingue orientali, ed. M. Pavan ed U. Cozzoli, Rom 1986, 99-151.
1.2 Lateinische Übersetzungen:
– Burkhard, Karl (Hrsg.): Nemesii episcopi premnon physicon sive peri physeos anthropou liber a N. Alfano archiepiscopo Salerni in Latinum translatus. Teubner, Leipzig 1917. (Digitalisat)
– Morani, Moreno (Hrsg.): Nemesii Emeseni de natura hominis. Teubner, Leipzig 1987. (kritische Ausgabe).
– Verbeke, Gérard / Moncho, José Rafael (Hrsg.): Némésius d’Émèse: De natura hominis. Traduction de Burgundio de Pise (= Corpus Latinum commentariorum in Aristotelem Graecorum Suppl. 1). Brill, Leiden 1975. (kritische Ausgabe mit ausführlicher Einleitung)
1.3 Deutsche Übersetzungen:
– Orth, Emil: Nemesios von Emesa: Anthropologie, Kaisersesch: Verlag Maria-Martental 1925.
– Osterhammer, Joh. G. (Kgl.-bay. Landgerichtsarzt): Nemesius Bischoff zu Emesa in Phönizien im vierten Jahrhundert, von der Natur des Menschen, nach dem Urtheile der Gelehrten. Eine der scharfsinngsten Schriften des ganzen christlichen Alterthumes, Salzburg 1819.
1.4 Englische Übersetzung:
– Wither, George: The Nature of Man. A learned and usefull tract written in Greek by Nemesius, surnamed the philosopher; sometime Bishop of a city in Phoenicia, and one of the most ancient Fathers of the Church. Englished, and divided into sections, with briefs of their principall contents, London: Printed by M[iles] F[lesher] for Henry Taunton in St. Dunstans Churchyard in Fleetstreet 1639. (erste englische Übersetzung)
– Sharples, Robert W. / van der Eijk, Philip J.: Nemesius: On the Nature of Man. Liverpool: University Press 2008.
1.5 Französische Übersetzung:
– Thibault, M. J. B.: Némésius – De la nature de l’homme, Paris 1844.

b) Sekundärliteratur:
– Albertus Magnus: Über den Menschen, lat.-dt., Hamburg: Meiner 2006.
– Bouillet, Marie-Nicolas: Les Ennéades de Plotin Ammonius Saccas. Fragments conservés par Némésius, Bd. 2, Paris 1859.
– Brown Wicher, Helen: Nemesius Emesenus, in: Catalogus Translationum et Commentariorum VI, Washingtion (D. C.) 1986, 31-72.
– Dobler, Emil: Falsche Väterzitate bei Thomas von Aquin: Gregorius, Bischof von Nyssa, oder Nemesius, Bischof von Emesa? (= Dokimion / Neue Schriftenreihe zur Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie), Fribourg: Academic Press 2001.
– Domanski, B.: Die Psychologie des Nemesius, BGPhMA III/1 (= Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters), Münster: Aschendorff 1900.
– Icks, Martijn: Elagabal. Leben und Vermächtnis von Roms Priesterkaiser, Darmstadt: WBG 2014.
– Kallis, Anastasios: Der Mensch im Kosmos. Das Weltbild Nemesios’ von Emesa. Münster: Aschendorff 1978.
– Parry, Ken: Locating Memory and Imagination: From Nemesius of Emesa to John of Damascus, in: ders: Dreams, Memory and Imagination in Byzantium, 35-56.
– Streck, Martin: Streck: Das schönste Gut. Der menschliche Wille bei Nemesius von Emesa und Gregor von Nyssa, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005. (Digitalisat).
– Telfer, Wiliam (Hg.): Cyril of Jerusalem and Nemesius of Emesa (= The Library of Christian Classics Volume IV), London: SCM Press 1955.
– Vanhamel, Willy: Némésius D’Émèse, évêque, fin 4e siècle, in: Dictionnaire de spiritualité, fasc. 27/73, Paris 1981, col. 92-99.


Dieser Beitrag wurde unter Beiträge veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.