Sakramente: „Kommt ein Mann zum Arzt …“

von Br. Raphael

Kommt einer zum Arzt, fragt der Arzt: „Was fehlt Ihnen?“ Denn der Verlust der Gesundheit – nichts anderes bedeutet doch Krankheit – zeigt sich meist durch den Verlust bestimmter Eigenschaften oder Fähigkeiten, die kürzlich noch da waren. Da konnte man z. B. neulich noch beschwingt Treppen steigen, während nun nach wenigen Stufen die Puste ausgeht. Oder es fehlt plötzlich der Appetit, an dem es vorher nie mangelte.

Der Arzt für Leib und Seele ist für Christen Jesus Christus, der Christus medicus. Während seines irdischen Lebens hat er – so glaubt es die Kirche – alle Heil- und Gnadenmittel eingesetzt, die wir Menschen brauchen, um heil zu werden.
Aber woran krankt denn der christliche Mensch, dass er geheilt werden muss? Vor allem fehlt ihm doch eines („eines fehlt dir noch“, vgl. Mk 10,21), nämlich Gott.

„Einen Arzt gibt es, Jesus Christus, unseren Herrn.“ 

Ignatius von Antiochien (+ 117)

Zur Heilung der Gottesentfernung oder Gottnot – die unbehandelt eine „Krankheit zum Tode“ ist, insofern sie von geistlicher Appetitlosigkeit (Akedia) und diakonaler Gefühllosigkeit über devotionale Lähmung und Hoffnungslosigkeit unmittelbar in den Tod Gottes (hier als Genitivus obiectivus: dem Menschen stirbt Gott) übergeht – hilft allein eine regelmäßig Gabe Sakrament.

Sakramente – Zeichen der Wirkung Gottes

Die lehrbuchmäßige Definition für Sakrament lautet: „heilswirksames Gnadenzeichen, das von Christus gestiftet und kraft der Gegenwart des Heiligen Geistes wirksam wird.“
Noch genauer: Mit dem Wort Sakrament oder Mysterion, wie es im Neuen Testament heißt, wird das Handeln Gottes kraft des Wirkens des Heiligen Geistes bezeichnet, da Gott den Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus das Heil, die Vergebung und die Erlösung zugesagt hat.

Christus als Arzt: Ausschnitt aus einer Abbildung aus dem Werk „Chants royaux sur la Conception, couronnés au puy de Rouen de 1519 à 1528“. Bildnachweis: gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France

Somit wird deutlich, dass der eigentliche Wirkstoff im Heilsmedikament Sakrament die Gnade Gottes ist.
„Gnade“ ist allerdings ein Wort für das Lexikon der bedrohten, vielleicht sogar schon der untergegangenen Wörter. Denn es kommt fast nur noch im TV-Western vor, wenn der unterlegene Rivale um Erbarmen und Verschonung bittet.

Aus dem Sumpf kann sich keiner selbst ziehen

Genau diese Bedeutung ist hilfreich bei der Übersetzung von Gnade aus dem Theologischen ins Deutsche. „Heilswirksames Gnadenzeichen“ bedeutet also, dass uns der „gute und menschenliebende Gott“ (Chrysostomus-Liturgie) aufgrund seines großen Erbarmens durch seine Erlösung zu heilen begonnen hat und uns immer noch durch die Zuwendung des Heiligen Geistes (diesmal ein Genitivus obiectivus UND subiectivus) heilen und erlösen möchte. 

Diese Gnaden-Zuwendung Gottes setzt einen eben solchen Prozess beim Menschen voraus, indem er sich als heil(s)bedürftig erkennt, in die Behandlung einwilligt und sie durch seinen „gesunden“ Lebenswandel unterstützt. Er öffnet sich so der angebotenen Gnade, damit der Geist Gottes in ihm mittels der Sakramente wirken kann.
Denn wie sich kein Mensch selbst aus dem Sumpf ziehen kann, außer er ist Münchhausen, so kann er sich weder seiner selbst erbarmen noch sich selbst freisprechen und vergeben.

Manchmal, wie im Fall des Altarsakramentes bzw. seiner Kommunion, ist die Heilwirkung so stark, dass es vorab einer vorbereitenden Behandlung bedarf, etwa einer inneren Spülung in Form des reinigenden Sakramentes der Versöhnung, vulgo Beichte, damit es nicht zu einer Überdosierung („Gnadenvergiftung“?) kommt.

Christus als Arzt. Russische Ikone, 21. Jh.

Es mag einer einwenden, dass die Sakramente nach altkirchlicher Lehre „ex opere operato“ wirken, also bereits durch ihre Spendung an sich. Doch kann dies nicht übergehen, dass der Spender – auch wenn er unwürdig oder sogar häretisch sein mag – die Intention haben muss, „gemäß der Kirche“ zu handeln; gleichzeitig ist vom Empfänger gefordert, „dass er sich dem im Sakrament auf ihn zukommenden Herrn im Glauben öffnet. Tut er das nicht, sondern schiebt einen Riegel vor, kann das Sakrament bei ihm keine Wirkung entfalten.“

Dies ist schon deshalb zwingend Geboten, weil ein gespendetes Sakrament, das jemand gegen seinen Willen empfängt, den freien Willen ignorieren und den Menschen damit unfrei machen würde.
Würden der Leib und das Blut des Herrn quasi automatisch wie eine „magische Pille“ wirken, hätten auch Paulus‘ Worte keinen Sinn, wenn er schreibt: »Denn wer davon (vom Leib und Blut Christi) isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt.« (1 Kor 11,29:  ὁ γὰρ ἐσθίων καὶ πίνων κρίμα ἑαυτῷ ἐσθίει καὶ πίνει μὴ διακρίνων τὸ σῶμα). Dementsprechend würde dann auch die strenge Verbindung von Versöhungs- und Altarsakrament in der Orthodoxie unnütz sein.

Literatur:
Die Sakramente in der orthodoxen Kirche
Nyssen, Wilhelm: Der heilende Christus. Mainz, Matthias-Grünewald-Verl., 1977.

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