"Tröstet, tröstet mein Volk!" (Jes 40,1)

An die geneigte Leserschaft dieser Seiten

Da nicht auszuschließen ist, dass die eine oder der andere in diesen außergewöhnlichen Tagen, in denen die Welt vom Corona-Virus betroffen ist, auf der Suche nach geistlicher Erbauung wie Trost sich auch auf diese Seiten verirrt, stehen sie gewissermaßen in der seelsorglichen Pflicht, genau beides nun in ganz kleinem Rahmen anzubieten und somit jenen unausgesprochenen Erwartungen entgegenzukommen im Sinne des göttlichen Auftrags: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1)

In ihrer Kürze sollen die folgenden Schriftstellen samt einigen meditativen Gedanken ein Echo dessen sein, woraus wir als Christen Hoffnung schöpfen können, da uns die Sakramente gerade nicht oder kaum zur Verfügung stehen: aus dem Wort Gottes.

Diese Sammlung tröstlicher Schriftworte soll kontinuierlich fortgesetzt werden.

„Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt … zum Zeichen des ewigen Bundes zwischen mir und euch“ (vgl. Gen 9,8-17

„Der HERR ist … ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6)

„Sooft ich ihm auch Vorwürfe mache, … ich muss mich seiner erbarmen“ (Jer 31,20)

GOTT hat „kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern dass er umkehrt und lebt“ (Ez 33,11)

„Fürchte Dich nicht!“ (Lk 1,30)

Dies sagte Gott durch den Engel Gabriel zu Maria. Auf dieses Wort gründete sie ihre gesamte Hoffnung, die die entscheidende Wendung in der Heilsgeschichte ermöglichte. Denn sie antwortete mit ihrem Fiat: „So soll es geschehen!“ ( vgl. Lk 1,38).

Doch ist das Wort Gottes insgesamt ein einziges Fürchte-Dich-nicht an uns, da diese Zusage die ganze Bibel durchzieht wie ein roter Faden.

„Fürchtet euch nicht!“ (20 mal):
Dtn / 5 Mo 1,29 Ich erwiderte: »Lasst euch doch keine Angst einjagen! Fürchtet euch nicht vor ihnen!
Dtn / 5 Mo 7,18 Fürchtet euch nicht vor ihnen! Erinnert euch nur daran, was der HERR, euer Gott, mit dem Pharao und den Ägyptern gemacht hat!
Dtn / 5 Mo 20,1 Wenn ihr in den Krieg zieht und seht, dass eure Feinde zahlreicher sind als ihr und sogar Reiter und Streitwagen besitzen, dann fürchtet euch nicht vor ihnen! Der HERR, euer Gott, der euch aus Ägypten befreit hat, steht euch bei!
Dtn / 5 Mo 20,3 Er soll ihnen sagen: »Hört, ihr Israeliten! Ihr werdet heute gegen eure Feinde kämpfen. Habt keine Angst! Fürchtet euch nicht! Weicht nicht vor ihnen zurück und lasst euch nicht einschüchtern!
2 Chr 20,15 Jahasiël rief: »Hört, ihr Leute von Juda, ihr Einwohner Jerusalems und du, König Joschafat! So spricht der HERR: ›Habt keine Angst! Fürchtet euch nicht vor diesem großen Heer! Ich werde gegen sie kämpfen, nicht ihr!
Jes 10,24 Darum sagt der HERR, der allmächtige Gott: »Mein Volk auf dem Berg Zion, fürchtet euch nicht vor den Assyrern, auch wenn sie euch so hart unterdrücken, wie es damals die Ägypter mit euren Vorfahren getan haben.
Jer 10,5 Und dann steht sie da, die Götterfigur, wie eine Vogelscheuche im Gurkenfeld! Sie kann weder reden noch gehen, sie muss getragen werden. Fürchtet euch nicht vor diesen Göttern! Sie können euch nichts Böses tun, und noch weniger können sie euch helfen.«
Jer 30,10 Fürchtet euch nicht, ihr Nachkommen von Jakob, meine Diener! Hab keine Angst, Volk Israel! Denn ich, der HERR, verspreche euch: Aus einem fernen Land werde ich euch zurückholen. Ja, ich befreie eure Nachkommen aus dem Land, in dem sie Gefangene sind. Dann werdet ihr in Frieden und Sicherheit leben, niemand bedroht euch mehr.
Jer 46,27 Fürchtet euch nicht, ihr Nachkommen von Jakob, meine Diener! Hab keine Angst, Volk Israel! Denn ich werde euch aus einem fernen Land zurückholen. Ja, ich befreie eure Nachkommen aus dem Land, in dem sie Gefangene sind. Dann werdet ihr in Frieden und Sicherheit leben, niemand bedroht euch mehr.
Jer 46,28 Fürchtet euch nicht, ihr Nachkommen von Jakob, meine Diener! Denn ich, der HERR, bin bei euch, um euch zu helfen! Die Völker, in deren Länder ich euch vertrieben habe, lasse ich vom Erdboden verschwinden, doch euch lösche ich nicht aus. Zwar werde ich auch euch bestrafen, wie ihr es verdient habt, aber ich gehe nicht zu hart mit euch ins Gericht.«
Mt 10,26 »Fürchtet euch nicht vor denen, die euch bedrohen! Denn nichts bleibt für immer verborgen, sondern eines Tages kommt die Wahrheit ans Licht, und dann werden alle Geheimnisse enthüllt.
Mt 14,27 Aber Jesus sprach sie sofort an: »Habt keine Angst! Ich bin es doch, fürchtet euch nicht
Mt 17,7 Aber Jesus kam zu ihnen, berührte sie und sagte: »Steht auf! Fürchtet euch nicht
Mt 28,5 Der Engel wandte sich an die Frauen: »Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
Mt 28,10 Jesus beruhigte sie: »Fürchtet euch nicht! Geht, sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa kommen! Dort werden sie mich sehen.«
Mk 6,50 Bei seinem Anblick waren sie zu Tode erschrocken. Aber Jesus sprach sie sofort an: »Habt keine Angst! Ich bin es doch, fürchtet euch nicht
Lk 2,10 aber der Engel sagte: »Fürchtet euch nicht! Ich verkünde euch eine Botschaft, die das ganze Volk mit großer Freude erfüllen wird:
Lk 12,5 Ich will euch sagen, wen ihr wirklich fürchten sollt: Fürchtet Gott, der euch nicht nur töten kann, sondern auch die Macht hat, euch danach in die Hölle zu werfen. Ja, fürchtet ihn allein!
Joh 12,15 »Fürchtet euch nicht, ihr Menschen auf dem Berg Zion! Euer König kommt! Er reitet auf einem Eselfohlen.«
1 Petr 3,14 Doch selbst wenn ihr leiden müsst, weil ihr nach Gottes Willen lebt, könnt ihr euch glücklich schätzen. Darum fürchtet euch nicht vor dem Leid, das euch die Menschen zufügen, und lasst euch von ihnen nicht einschüchtern.

„Fürchte dich nicht!“ (11 mal):
1 Chr 22,13 Wenn du so lebst, wie es dem HERRN gefällt, und dich nach den Geboten richtest, die er Israel durch Mose gegeben hat, dann wird dir alles gelingen. Darum sei stark und entschlossen! Lass dich durch nichts entmutigen und fürchte dich nicht!
Jes 41,10 Fürchte dich nicht, denn ich stehe dir bei; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark, ich helfe dir, mit meiner siegreichen Hand beschütze ich dich!
Jer 1,8 Fürchte dich nicht vor ihnen, ich bin bei dir und werde dich beschützen. Darauf gebe ich, der HERR, mein Wort.«
Jer 1,17 Du aber mach dich bereit, geh zu ihnen und verkünde ihnen alles, was ich dir auftrage! Fürchte dich nicht vor ihnen, sonst sorge ich dafür, dass sie dich das Fürchten lehren.
Kla 3,57 Als ich rief, kamst du mir ganz nahe und sprachst: »Fürchte dich nicht
Hes 2,6 Du aber, Mensch, fürchte dich nicht vor ihnen, hab keine Angst vor ihrem Spott! Ihre Worte verletzen dich wie Disteln und Dornen – ja, du lebst mitten unter Skorpionen. Trotzdem brauchst du dich nicht von ihnen und ihrem Gerede einschüchtern zu lassen! Sie sind eben ein gottloses Volk.
Lk 1,13 Doch der Engel sagte zu ihm: »Fürchte dich nicht, Zacharias! Gott hat dein Gebet erhört. Deine Frau Elisabeth wird bald einen Sohn bekommen, den sollst du Johannes nennen!
Lk 5,10 auch Jakobus und Johannes, die Söhne von Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Aber Jesus sagte zu Simon: »Fürchte dich nicht! Du wirst von nun an keine Fische mehr fangen, sondern Menschen für mich gewinnen.«
Apg 27,24 Er sagte: ›Fürchte dich nicht, Paulus. Du wirst vor den Kaiser gebracht werden, so hat Gott es bestimmt, und auch alle anderen auf dem Schiff wird Gott deinetwegen am Leben lassen.‹
Offb 1,17 Als ich das sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Aber er legte seine rechte Hand auf mich und sagte: »Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte,
Offb 2,10 Fürchte dich nicht vor dem, was dir noch bevorsteht. Der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis bringen, um euch auf die Probe zu stellen. Zehn Tage lang werdet ihr leiden müssen. Bleib mir treu, auch wenn es dich das Leben kostet. Dann werde ich dir als Siegespreis das ewige Leben geben.

„Diese Krankheit ist nicht zum Tode“ (Joh 11,4)

Christus als rezeptschreibender Medicus

Wie an anderer Stelle in diesem Blog ausgeführt wurde, ist Jesus Christus der Arzt für Leib und Seele, der Christus medicus. Während seines irdischen Lebens hat er – so glaubt es die Kirche – alle Heil- und Gnadenmittel eingesetzt, die wir Menschen brauchen, um heil zu werden.

Aber woran krankt denn der christliche Mensch normalerweise, dass er geheilt werden muss? Vor allem fehlt ihm doch eines („eines fehlt dir noch“, vgl. Mk 10,21), nämlich Gott.

„Einen Arzt gibt es, Jesus Christus, unseren Herrn.“ 

Ignatius von Antiochien (+ 117)

Zur Heilung der Gottesentfernung oder Gottnot – die unbehandelt eine „Krankheit zum Tode“ ist, insofern sie von geistlicher Appetitlosigkeit (Akedia) und diakonaler Gefühllosigkeit über devotionale Lähmung und Hoffnungslosigkeit unmittelbar in den Tod Gottes (hier als Genitivus obiectivus: dem Menschen stirbt Gott) übergeht – hilft unter normalen Umständen allein eine regelmäßig Gabe Sakrament.

Je schmerzlicher wir diese sakramentale Dosis im Moment des Corona-Viruses vermissen, desto mehr können wir diese Zeit vielleicht nutzen, um uns Gott durch Gebet, Lesung und Fasten zuzuwenden und dadurch Heilung an dem zu erfahren, was uns im Glauben noch fehlt!

„Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ (Joh 14,27)

Panik verengt den Blick, weil sie das Gehirn nicht mehr vernünftig arbeiten lässt. Statt zu einem umfassenden Weitblick führt dies zum Tunnelblick.
Wir sollten also versuchen, ruhig zu bleiben oder uns, wenn möglich, zu beruhigen.
Erst dann ist es auch möglich, über unser eigenes instinktives Fluchverhalten hinaus den Andern wieder in den Blick zu nehmen. Er ist und bleibt Christus, gerade in der Not: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Wir können uns angesichts des Gekreuzigten nicht resignativ aus dem Schatten des Kreuzes stehlen. Unser Gott ist ein Gott der Lebenden, denn durch seinen Tod hat er den Tod bezwungen.
Am Holz der Kreuzes sprießt die Erlösung zum wahren Leben, obgleich dies nur mit den Augen des Glaubens erkennbar und in den Augen der Welt eine Torheit ist.

Das Weizenkorn muss aber sterben, um reiche Frucht zu bringen (vgl. Joh 12,24), und vom Kreuz her zieht Christus alle an sich (vgl. Joh 12,32). Daher kann unser Herz sich beruhigen: Denn alles wird gut, weil es in Christus gut ist.

„Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“ (Phil 4,6)

Phil 4,7: „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren. 8 Im Übrigen, Brüder und Schwestern: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“

„Gott, unser Retter, … will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,3f.)

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Marienlob in der Großen Fastenzeit

Der frühere Erzbischof von Athen Christodoulos singt die Chairetismoi (Gegrüßet seist Du, Maria) des Hymnos Akathistos.

„Der Hymnos Akathistos, eigentlich Akathistos an die allerheiligste Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria (griech. O Ακάθιστος ύμνος) ist ein altkirchliches Marienlob aus Konstantinopel und gilt weltweit als älteste und neben dem beliebten Marienhymnus Agni Parthene auch als schönste Mariendichtung. Das Attribut a-káthistos bedeutet „nicht im Sitzen“ zu singen und betont das Hervorragende dieses Hymnus im Gegensatz zu anderen, gewöhnlich im Sitzen gesungenen Hymnen. Der erste und zweite Teil des Akathistos (Stasis 1-2) orientiert sich weitgehend am Lukas-Evangelium und setzt mit einer Fülle von Anrufungen der Muttergottes den englischen Gruß des Erzengels Gabriels fort. Der dritte und vierte Teil des Akathistos (Stasis 3-4) meditiert über das neue Schöpfungswunder der Menschwerdung aus Maria und über die Wirkungen dieses Werkes durch die Zeiten. Er wird seit über 1200 Jahren hauptsächlich in der Ostkirche gesungen.

Der Hymnos Akathistos in der Tradition der römisch-katholischen Kirche

1967 hatte Eberhard Zumbroich (1933–2014) ein Gelübde abgelegt, diesen bedeutendste byzantinischen Großhymnus nach alten griechischen Quellen neu ins Deutsche zu übertragen und zum Singen einzurichten. Bereits 1970 sendete der Süddeutsche Rundfunk das Werk auf vielfachen Hörerwunsch dreimal. Noch im selben Jahr entstanden eine Tonaufnahme mit gedrucktem Text, die 2005 in der 64. Auflage erschienen. Der weltweite Erfolg führte 1971 zur Gründung des „Ton-Archivs zum Byzantinisch-Ostkirchlichen Ritus TABOR“ und 1978 zur Stiftung der Verklärung-Christi-Kapelle im württembergischen Gaildorf. Papst Paul VI. ließ 1973 durch seinen Staatssekretär Benelli dem Autor Zumbroich schreiben: „Sehr willkommen ist seiner Heiligkeit das Werk, das jenen uralten und ehrwürdigen Gesang des Hymnos Akathistos wiedergibt, von Ihnen selbst sachkundig ins Deutsche übertragen und in Musik gesetzt. Mit der Veröffentlichung haben Sie sich nicht nur um den Glauben und die marianische Frömmigkeit sehr verdient gemacht, die in jenem erhabenen Liede gipfelt, sondern insbesondere dadurch, dass Sie ein hervorragendes Stück orientalischer Liturgie und Theologie den deutschsprachigen, christlichen Gemeinden in großartiger Weise zugänglich gemacht haben.“[8] Weil Eberhard Zumbroich etliche gewöhnlich unbekannte byzantinische Quellen erschloss, wurde sein Werk sogar in andere Sprachen übersetzt, so auch ins Polnische und ins Ungarische. Teresa Stankiewicz, die künstlerische Beraterin Kardinal Wojtyłas, des späteren Papstes Johannes Paul II., schuf zu Zumbroichs Text den ersten neuzeitlichen Bildzyklus zum Hymnos Akathistos in 24 Farbtafeln. 800.000 meist junge Menschen aus 193 Nationen feierten am 20. August 2005 auf dem Marienfeld bei Köln mit Papst Benedikt XVI. die Vigil. Etwa 200 Millionen Menschen verfolgten weltweit das Stundengebet im Fernsehen. Die 12. ordentliche Bischofssynode aus dem Jahre 2008, deren Beschlüsse Papst Benedikt XVI. in seinem apostolischen Schreiben Verbum Domini festhielt, stellte fest, „es verdiene, bekanntgemacht, geschätzt und verbreitet zu werden; mit seinen Worten zu beten, erweitert die Seele und macht sie bereit für den Frieden, der von oben kommt, von Gott – für jenen Frieden, der Christus selbst ist, der zu unserem Heil aus Maria geboren ist.“[9] (Wikipedia „Hymnos Akathistos“)

Der hier zu hörende Textauszug auf Griechisch (unten auf Deutsch):

Φωτοδόχον λαμπάδα, τοῖς ἐν σκότει φανεῖσαν, ὁρῶμεν τὴν ἁγίαν Παρθένον,
τὸ γὰρ ἄϋλον ἄπτουσα φῶς, ὁδηγεῖ πρὸς γνῶσιν θεϊκὴν ἅπαντας,
αὐγὴ τὸν νοῦν φωτίζουσα, κραυγὴ δὲ τιμωμένη ταῦτα.
Χαῖρε, ἀκτὶς νοητοῦ Ἠλίου,
  χαῖρε, βολὶς τοῦ ἀδύτου φέγγους.
Χαῖρε, ἀστραπὴ τὰς ψυχὰς καταλάμπουσα,
  χαῖρε, ὦς βροντὴ τοὺς ἐχθροὺς καταπλήττουσα,
Χαῖρε, ὅτι τὸν πολύφωτον ἀνατέλλεις φωτισμόν,
  χαῖρε, ὅτι τὸν πολύρρητον, ἀναβλύζεις ποταμόν.
Χαῖρε, τῆς κολυμβήθρας ζωγραφοῦσα τὸν τύπον,
  χαῖρε, τῆς ἁμαρτίας ἀναιροῦσα τὸν ῥύπον,
Χαῖρε, λουτὴρ ἐκπλύνων συνείδησιν,
  χαῖρε, κρατὴρ κιρνῶν ἀγαλλίασιν.
Χαῖρε, ὀσμὴ τῆς Χριστοῦ εὐωδίας.
  χαῖρε, ζωὴ μυστικῆς εὐωχίας,
Χαῖρε, Νύμφη ἀνύμφευτε.
  Χαῖρε, Νύμφη ἀνύμφευτε.

Χάριν δοῦναι θελήσας, ὀφλημάτων ἀρχαίων, ὁ πάντων χρεωλύτης ἀνθρώπων, ἐπεδήμησε δι‘ ἑαυτοῦ, πρὸς τοὺς ἀποδήμους τῆς αὐτοῦ χάριτος,
καὶ σχίσας τὸ χειρόγραφον, ἀκούει παρὰ πάντων οὕτως, Ἀλληλούϊα.
  Ἀλληλούϊα.

Ψάλλοντές σου τὸν τόκον, ἀνυμνούμέν σε πάντες, ὦς ἔμψυχον ναόν, Θεοτόκε, ἐν τῇ σῇ γὰρ οἰκήσας γαστρί, ὁ συνέχων πάντα τῇ χειρὶ Κύριος,
ἡγίασεν, ἐδόξασεν, ἐδίδαξε βοᾶν σοι πάντα.
Χαῖρε, σκηνὴ τοῦ Θεοῦ καὶ Λόγου.
  χαῖρε, Ἁγία Ἁγίων μείζων,
Χαῖρε, κιβωτὲ χρυσωθεῖσα τῶ Πνεύματι.
  χαῖρε, θησαυρὲ τῆς ζωῆς ἀδαπάνητε,
Χαῖρε, τίμιον διάδημα, βασιλέων εὐσεβῶν.
  χαῖρε, καύχημα σεβάσμιον, Ἱερέων εὐλαβῶν,
Χαῖρε τῆς Ἐκκλησίας ὁ ἀσάλευτος πύργος.
  χαῖρε, τῆς βασιλείας τὸ ἀπόρθητον τεῖχος.
Χαῖρε, δι‘ ἦς ἐγείρονται τρόπαια.
  χαῖρε, δι‘ ἦς ἐχθροὶ καταπίπτουσι.
Χαῖρε, χρωτὸς τοῦ ἐμοῦ θεραπεία,
  χαῖρε, ψυχῆς τῆς ἐμῆς σωτηρία.
Χαῖρε, Νύμφη ἀνύμφευτε.
  Χαῖρε, Νύμφη ἀνύμφευτε.

πανύμνητε Μῆτερ, ἡ τεκοῦσα τὸν πάντων Ἁγίων ἁγιώτατον Λόγον, (γ‘)
δεξαμένη τὴν νὺν προσφοράν, ἀπὸ πάσης ῥύσαι συμφορὰς ἅπαντας,
καὶ τῆς μελλούσης λύτρωσαι κολάσεως τοὺς σοὶ βοῶντας, Ἀλληλούϊα.
  Ἀλληλούϊα.

Auf Deutsch:

Ikos 11
V: Im leuchtenden Strahlen kleide den Verblendeten erschienen, schauen wir die Heilige Jungfrau. Seit sie das ewige Feuer ergriffen, führt sie auf immer zur Gotteserkenntnis, strahlenden Blickes den Geist erleuchtend. Wir huldigen ihr mit Rufen:

A: Sei gegrüßt, du Morgenstern der geistigen Sonne;
Sei gegrüßt, du Lichtträger des Allerheiligsten.
Sei gegrüßt, du Wetterstrahl, der unsere Seelen trifft;
Sei gegrüßt, wie vor dem Donnergroll entsetzen sich die Feinde.
Sei gegrüßt, du bringst die himmlische Erleuchtung ans Licht;
Sei gegrüßt, denn dir entquillt, was überquellend uns tränkt.
Sei gegrüßt, das heilende Bad stellst du vor;
Sei gegrüßt, den Makel der Sünde nimmst du fort.
Sei gegrüßt, du Schale, darin das Gewissen geläutert;
Sei gegrüßt, du Kelch, daraus Jubel geschenkt.
Sei gegrüßt, du mystische Rose, daraus uns Christus entströmt;
Sei gegrüßt, du der Inbrunst kostbarer Odem.
Sei gegrüßt, du jungfräuliche Mutter!

Kondakion 12
V: Weil er aus Liebe alle begnadigen wollte, welche der Strafe schuldig sind, kam ureigens er, der alle Menschen freispricht, heim als ein Fremder zu denen, welche fern seiner Gnade lebten. Und als er so den Schuldbrief zerriss, hörte er aus aller Munde:

A: Halleluja, Halleluja,* Halleluja!

Ikos 12
V: Deinem Sohn Lob singend wollen wir alle auch dich als lebendiges Heiligtum preisen, o Gottesgebärerin. Der in deinem Leibe gewohnt hat, der mit seiner Hand alles zusammenhält, der Herr hat dich geheiligt, dich verherrlicht und uns gelehrt, dir zu singen:

A: Sei gegrüßt, du Tempel Gottes und des Wortes;
Sei gegrüßt, heilig bist du über allen Heiligen.
Sei gegrüßt, du vom Heiligen Geiste vergoldeter, Schrein;
Sei gegrüßt, du unschätzbarer Quell des Lebens.
Sei gegrüßt, du Ehrenkrone aller, die Gott fürchten;
Sei gegrüßt, rühmend erhöhst du priesterliche Diener.
Sei gegrüßt, bei dir ist die Kirche geborgen;
Sei gegrüßt, des Reiches uneinnehmbare Mauer.
Sei gegrüßt, du setzest Zeichen der Überwindung;
Sei gegrüßt, durch dich fallen die feind Gesinnten ab.
Sei gegrüßt, meine Seele geleitest du;
Sei gegrüßt, meinen Leib machst du heil.
Sei gegrüßt, du jungfräuliche Mutter!

Schlussgebet

Kondakion 13

V: Du über alles gepriesene Mutter hast geboren das allen Heiligen heiligste Wort. Nimm auf, was wir hier und jetzt vor dich bringen, von allem Missgeschick uns zu befreien, und bewahre uns vor zukünftiger Strafe, die wir einig beten:

A: Halleluja, Halleluja,* Halleluja!

Durch die Gebete unserer heiligen Väter, Herr Jesus Christus, erbarme Dich unser. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. (dreimal)

Eine Aufnahme des auf Deutsch gesungenen Hymnos Akathistos (Kapitel 1, gemäß russischer Tradition):

Ikos 1
V: Aus dem Himmel her trat ein Erzengel in die Welt des Sichtbaren, der Gottesmutter den Freudengruß zu sagen. Und als er dich mit seinem leiblosen Wort zugleich leibhaft werden sah, o Herr, da stand er außerstande und jubelte ihr zu:

A: Sei gegrüßt, durch dich leuchtet das Heil hervor; Sei gegrüßt, dunkel wird das Unheil vor dir.
Sei gegrüßt, den gefallenen Adam richtest du wieder auf;
Sei gegrüßt, von ihren Tränen erlösest du Eva.
Sei gegrüßt, allem menschlichen Überlegen hoch überlegen bist du;
Sei gegrüßt, so abgrundtief erschauen dich die Engel nicht einmal.
Sei gegrüßt, von Uranfang des Friedefürsten Thron;
Sei gegrüßt, denn du trägst den, der alles erträgt.
Sei gegrüßt, du Stern, der offenbart die Sonne;
Sei gegrüßt, aus deinem Leib wird Gott der Menschensohn.
Sei gegrüßt, aus dir wird die Schöpfung neu geboren;
Sei gegrüßt, durch dich wirkt der Schöpfer ungeboren als Kind.
Sei gegrüßt,* du jungfräuliche Mutter!

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Julian Joseph Overbeck in der „syrischen „Schatzhöhle“. Wie er über der Edition syrischer Kirchenvätertexte orthodox wurde

Von Br. Raphael

Juliam Joseph Overbeck

Aus der historischen Ferne lässt sich fragen, durch welche Gründe der katholische Westfale Julian Overbeck (1821-1905) ausgerechnet in England orthodox und bald darauf zum geistlichen Vater der orthodoxen Westritus-Bewegung wurde. Dieser Beitrag möchte diesen Fragen genauer nachgehen.

Die Talente des jungen römisch-katholischen Priesters Julian Joseph Overbeck erkannten seine kirchlichen Vorgesetzten früh und förderten sie, indem sie ihm weitere Studien orientalischer Sprachen ermöglichten.

Ab 1853 wirkte der begabte Orientalisten als Privatdozent an der Universität Bonn. Er war dort übrigens zeitgleich mit den späteren Anführern des Altkatholizismus Johann Friedrich von Schulte und – mit entsprechenden Einschränkungen, insofern er wohl nie zum Altkatholizimus übertrat – Ignaz Döllinger (vgl. Kahle 13; 15 Anm. 1).

Doch nahm diese steile Laufbahn im Jahr 1857 ein jähes Ende durch seine Hochzeit mit Josephine Walb. Da war er 36 Jahre alt.

Studenten im Innhof der Bonn Universität, 1839

Die Heirat samt ihren Konsequenzen, nämlich der Aufgabe sowohl der priesterlichen als auch der wissenschaftlichen Tätigkeit, führte Overbeck dazu, mehr aus Not als aus tiefer Überzeugung zunächst protestantisch zu werden. Denn er und seine Frau durchlebten eine wirtschaftlich wie insgesamt schwierige Zeit, insofern sich alte Freunde abwandten, Overbecks ultramontane Eltern ihn verstießen und das Geld knapp wurde.

Ignaz Döllinger (1799-1890), dessen wissenschaftliche Laufbahn ebenfalls in Bonn begann

Offenbar hoffte er, durch Pastor Otto Gerhardt Heldring, einem der Gründer der niederländischen Diakonie, eine weitere berufliche Perspektive zu finden (vgl. Kahle 16 Anm. 2).

Erst im späteren Verlauf des Jahres 1857 gelang es ihm, dank der Vermittlung des preußischen Gesandten in London von Bunsens, den er von früheren Aufenthalten her kannte, ein Forschungsstipendium des preußischen Königs (und ersten evangelischen Geistlichen in Preußen!) für England zu erhalten, das zwar nicht hoch war, aber ihm, seiner Frau und später den Kindern in den ersten Jahren auf der Insel ein Auskommen und den Beginn an den Arbeiten zur Herausgabe noch unbekannter syrischer Manuskripte ermöglichte.

Während dieser Zeit und auf der Suche nach einer festen Anstellung wäre ihm ein Übertritt in die anglikanische Kirche aufgrund ihrer relativen Nähe zum Protestantismus sowie dank guter Kontakte u. a. zum damaligen Bischof von London und späteren Erzbischof von Canterbury möglich gewesen und hätte wahrscheinlich sichere Einkünfte mit sich gebracht, die die junge Familie mit Kind auf stabile finanzielle Beine gestellt hätte.
Doch auch auf die Kreise um den deutschen Pfarrer der protestantischen Gemeinde im St. James-Palast konnte und wollte sich Overbeck trotz regelmäßiger Kontakte und trotz einer lobenden Empfehlung des Pfarrers nicht völlig einlassen (vgl. Kahle 18).

Stattdessen schien er seine neue Heimat samt ihren Zeitgeisterscheinungen distanziert zu beobachten. Einige Artikel über die Mormonen und ihre ausgedehnte Missionsarbeit in London belegen dies. Aus der Perspektive des „Mormonismus“ betrachtete wohl nun auch den Protestantismus skeptisch.

Friedrich Max Müller (1823-1900), Professor für Linguistik in Oxford

Overbeck konnte schließlich mit Friedrich Max Müller zusammenarbeiten, dem nur wenig älteren Landsmann, Professor in Oxford und einem der bedeutendsten Linguisten des 19. Jahrhunderts. Dieser wollte Overbeck in England halten und unterstütze in bei der Suche nach einer Anstellung. Dennoch gelange es Overbeck nicht, in seinem Fachgebiet als Orientalist eine Dozentur an einer Universität zu erhalten, sondern er lehrte an verschiedenen Institutionen Deutsch und Französisch, bis er 1863 als Professor für deutsche Sprache an die Militärakademie von Sandhurst berufen wurde. Diese Lehrtätigkeit übte er bis zu seiner regulären Emeritierung mit 55 Jahre im Jahr 1877 aus (vgl. Kahle 19.23).

„In diese Zeit [sc. gemeint sind die Jahre 1857-1865]“, so Kahle (a. a. O. 20), „fiel eine Reihe von bedeutsamen Geschehnissen in seinem Leben“. An erster Stelle nennt Kahle die Veränderungen aufgrund der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem frühchristlichen und daher noch recht ursprünglichen Glauben der drei syrischen Theologen Ephräm dem Syrer, Rabula und Baläus, deren Lektüre anhand von Manuskripten, die er im Britischen Museum in London und der Oxforder Bodleian Bibliothek fand, in eine kritische Ausgabe ihrer bisher teils nicht edierten Texte mündete – und die ihn der Orthodoxie näher brachte (s. dazu weiter unten).

Einen weiteren Grund für seinen Übertritt zur Orthodoxie nannte Overbeck in einem Brief an den Rheinischen Merkur. Dort erwähnte er, so Kahle (vgl. a. a. O. 21), dass er über der Beschäftigung mit dem Problem der Kirchenunionen, deren Scheitern er insgesamt in ihren „nicht der Sache entsprechenden Versuchen“ begründet sieht, seinen Weg zur Orthodoxie gefunden habe (vgl. Kahle 21).
Doch scheinen die beiden Angaben, die Kahle in einer Fußnote macht, zeitlich weiter nach vorne in das Jahr 1870 zu führen. Denn in diesem Jahr veröffentliche er in der Allgemeine Zeitung Augsburg (Beilage S. 2237) Das Londoner Exemplar des Florentiner Unions-Dekretes.
Im Jahr 1865 – also dem Jahr, in dem seine offizielle Aufnahme in die orthodoxe Kirche erfolgte – beschäftigten ihn seinen Veröffentlichungen nach offenbar breiter angelegte Fragestellungen, nämlich Die orthodoxe katholische Anschauung im Gegensatz zum Papstthum und Jesuitismus sowie zum Protestantismus. Nebst einem Rückblick auf die päpstliche Encyklika und den Syllabus vom 8. December 1864.

Hl. Evgenij Ivanovic Popov (1813-1875),
Erzpriester der russischen Gesandtschaft in London und Overbecks Freund wie auch sein geistlicher Vater

Am wahrscheinlichsten ist, dass Overbecks wissenschaftlich-editorische Auseindersetzung mit der orthodoxen Theologie der drei syrischen Kirchenväter in Verbindung mit der Freundschaft zu Evgenij Ivanovic Popov, dem Erzpriester an der russischen Gesandtschaft in London (s. Bild), zu der persönlichen Frage eines kirchlich nicht wirklich Beheimateten und somit Suchenden wurde.
In den Worten W. Kahles: „Evgenij Popov hatte Overbeck in die orthodoxe Kirche eingeführt. Overbeck hat ihn Zeit seines Lebens mit großer Dankbarkeit genannt, ihm war er in Freundschaft verbunden. Popov spielte auch später für das Werk [sc. die Absicht der Gründung einer westlich-orthodoxen Kirche] eine bedeutende Rolle, indem er in Verbindung mit Olga Novikov die Beziehungen zum Hl. Synod in Petersburg und zu dessen Oberprokurator, dem Grafen Dimitrij Tolstoj, herstellte. Er begleitete auch Overbeck auf einer seiner beiden Fahrten nach Petersburg und vermittelte die persönliche Bekanntschaft mit dem Metropoliten von Petersburg und anderen Bischöfen der russischen Kirche. Nicht nur der Nachruf, den Overbeck dem inzwischen Verstorbenen in seiner Zeitschrift Orthodox Catholic Review widmete, sondern auch zahlreiche Stellen in seinen Briefen, in denen er von Evgenij Popov als von seinem Freunde und Seelsorger spricht, geben von der Enge der Verbindung zu diesem Ausdruck“ (a. a. O. 22).

Es sei angemerkt, dass Vater Evgenij Ivanovic Popovs Wirken nicht allein als Chronist der frühen offiziellen Kontakte der Orthodoxie mit dem Anglikanismus und mit der englischsprachigen Welt bedeutsam ist, sondern auch, weil er von der russischen Kirche heiliggesprochen wurde, wozu sein selbstloser Einsatzes während einer Cholera-Epidemie in Portugal beigetragen haben dürfte, als er von London nach Lissabon segelte, um mehrere Monate lang orthodoxe Glaubensgeschwister zu pflegen und zu trösten.

Ausgangspunkt von Overbecks Konversion zur Orthodoxie bleibt nach Kahle jedoch die intensive wissenschaftliche wie inhaltliche Beschäftigung mit den drei syrischen Kirchenvätern, so dass ein Blick in seine Edition auch Aufschluss über die Glaubensfragen, die ihn möglicherweise durch die vorlegten Texte bewegten und am Ende zu Orthodoxie brachten, verspricht. Genau dies soll nun im Weiteren geschehen.

Ein kurzer Blick in die „syrische Schatzhöhle“

Ephrem der Syrer – in der Schatzhöhle?

Die Syrologie bezeichnet mit dem Namen Syrische Schatzhöhle eine Sammlung apokrypher Schriften aus der frühen Syrischen Kirche mit einer Adam-Christus-Typologie als thematischem roten Faden (vgl. Kremer 471-474). Sie wurde lange Ephräm dem Syrer zugeschrieben, doch wird dies seit dem 19. Jh. und spätestens seit A. Toepels quellenkritischer Untersuchung von 2006 nicht mehr aufrecht erhalten.
Noch zu Overbecks Lebzeiten brachte Carl Bezold 1883 bzw. 1888 eine deutsche Überetzung der „Schatzhöhle“ anhand von uneditierten Manuskripten in zwei Bänden heraus.

Wenn jedoch hier im Weiteren – wie bereits in der Überschrift dieses Beitrags – von der Syrischen Schatzhöhle die Rede ist, so ist keineswegs diese Schrift gemeint. Vielmehr wird diese schöne, fast märchenhaft klingende Bezeichnung metaphorisch einerseits auf die drei syrischen Väter, mit denen Overbeck sich bis 1865 im Rahmen seiner Edition beschäftigte, übertragen und andererseits – pars pro toto – auf das gesamte reiche, aber im Westen größtenteils unbekannte Schrifttum der syrischen Kirchenväter ausgedehnt.

Denn leider zurecht schreibt Sebastian Brock (Univ. Oxford) im Geleitwort zu dem von Wassilios Klein unter dem Titel Syrische Kirchenväter herausgegebenen Band: „Während für den interessierten Leser allgemeine Einführungen zu den Kirchenvätern des griechischen Ostens oder lateinischen Westens verfügbar sind, gibt es nichts Vergleichbares für die Väter des syrischen Ostens“ (a.a.O. 8f.)

Jedoch ist es Wassilios Klein zu danken, dass er diesen Mangel im deutschen Sprachraum bereits 2004 durch seine Herausgeberschaft besonders bei denen mildert, die keine Experten auf diesem Gebiet sind, sondern sich eher der Thematik nähern, indem sich sein Buch „an Studienanfänger, an Laien, auch an Theologen richtet, die sich bisher nicht mit Syrern beschäftigt haben“ (Klein 12). Der Verfasser dieses Beitrags betrachtet sich als der letztgenannten Gruppe zugehörig. Es ist somit als Einführung gedacht, was auch der Titel dieses Buches ausdrückt, wenn er auf von Campenhausens Klassiker der Einführung in die griechischen und lateinischen Kirchenväter anspielt (vgl. Klein 13).

Doch zurück zu Overbeck und seiner Edition der drei syrischen Väter. Durch den Schatz des tiefgründigen Schrifttums eines Ephräm des Syrers, eines Rabula von Edessa und eines Baläus bereichert, konnte Overbeck – wie Kahle herausstellte – im eigentlichen Sinn erst zur Orthodoxie finden.
Kahle bewertet diese Editionsarbeit folgendermaßen: „Overbecks Hinwendung zur Orthodoxie in London im Jahre 1865 war somit eine jahrelange intensive Beschäftigung mit orthodoxen Vätern vorausgegangen. In den zur Verfügung stehenden Quellen hat sich Overbeck über Zusammenhänge dieser Arbeit an den Manuscripten und der Theologie der Patristik zu seinen späteren Bemühungen selbst nicht geäußert, doch wird man nicht fehlgehen, diese Beziehungen festzustellen und ihnen auch eine Bedeutung zuzuschreiben. Overbeck hat jedenfalls das Werk über die syrischen Väter als eine orthodoxe Arbeit verstanden […] Gerade die Beschäftigung mit Ephraem dem Syrer konnte Overbeck im Sinne seiner späteren Intentionen bestimmen, fand er doch dabei eine Fülle von Äußerungen zu dem Kampfe der Orthodoxie mit den Lehren und Häresien des vierten Jahrhunderts um die Reinheit der Kirche“ (Kahle 20f.)

Als wissenschaftliche Begründung für seine Edition gab Overbeck an, weitere Varianten zu bieten, die sich in Assemanus‘ bahnbrechender kritischer Edition der Schriften Ephräms nicht finden. Insbesondere hob er eine neue Lesart des sog. Testaments des Ephräm hervor:
„Haec igitur ad Assemanii opus praeclarum non plane ingrata sint additamenta. Sed quum e codicibus partes ineditas conquiramus, ne praetereamus retractare textus iam editos antiquis codicibus, qui nondum inter se collati erant, adhibitis. Quapropter non alienum ab incepto meo esse duxi, novam Testamenti S. Ephraemi recensionem exhibere h. e. codicis cuiusdam textum integrum et immutatum proponere variasque aliorum codicum lectiones adiungere.“ (Overbeck viisq.).

Neben der Erstedition von Rabulas Vita und Werken lag der Wert seiner Edition besonders in ihren Additamenta (Ergänzungen, 339-424), da er durch sie bis dato unveröffentlichte Texte zugänglich machte wie etwa Hymnus XIII bis XV von Ephräms Paradieshymnen.

Sein methodisches Vorgehen beschreibt er in Abgrenzung zu anderen Editionen, was durchaus als scharfe Kritik zu begreifen ist. Denn im Gegensatz zu diesen, hat er aus den Varianten keinen neuen Text erstellt, den der ursprüngliche Verfasser nicht mehr als seinen wiedererkennen würde: „Non enim sic intelligo artem criticam ut e duobus aut pluribus codicibus novus quidam confingatur qui nunquam antea exstiterit textus, et quem saepius scriptor primus vehementer recusaret opus suum agnoscere“ (Overbeck viii).

Vor allem ließ Overbeck alle Konjekturen weg, die er für Hinzufügungen von späterer Hand hielt, die entweder aus Böswilligkeit, um Ephräms Ruhm zu schmälern oder aufgrund des Unvermögens, ihn zu verstehen, vorgenommen wurden: „Tantum vero abest ut coniecturas in locum textus reposuerim, ut eum in sua textui codicis clam inserit, aut hominem malae fidei, aut acumine ingenioli sui gloriantem, aut de scriptore suo intelligendo desperante habeam“ (ebenda).

Im Weiteren referierte Overbeck knapp, was an biographischen Informationen über Rabula (viii) und Baläus (ix) bekannt ist, äußert sich zur Überliefungsgeschichte wie zu anderen Editionen und bekundete den Wunsch, eine lateinische Übersetzung der vorgelegten syrischen Quellen vorzunehmen (wozu es m. W. jedoch nicht gekommen ist). Schließlich dankte er William Wrigtht, dem Kustos der syrischen Handschriften im Britischen Museum, und Robert Payne Smith, einem der Bibliothekare der Bodleian-Bibliothek, für ihre Unterstützung.
Die darauf folgenden Seiten enthalten die genaue Beschreibungen der Handschriften, auf denen Overbecks Edition basiert (xi-xxiii).

Es folgt eine Übersicht über die abweichenden Lesarten (xxiv-xxxiv). Von S. xxxv bis xxxviii findet sich das Inhaltsverzeichnis, das hier wiedergegeben wird, weil es Aufschluss gibt zu den Themen, mit denen sich die syrischen Väter beschäftigt haben und über die Overbeck möglicherweise tiefer in die Orthodoxie eingedrungen ist:

S. EPHRAEMI

— Carmina adversus Julianum Imperatorem Apostatam, adversus doctrinas falsas et Judaeos (3)
— Ad Hypatium adversus haereses tractatus prima (21)
— Ad Hypatium, Manetem, Marcionem et Bardesanem tractatus secundus (59)
— Commentarii (74)
— De Misericordia Divina tract. primus (105) et tract. secundus (108)
— Epistola ad Montanos (113)
— Argumentum e tractatu contra Bardesanem (132)
— E tractatu contra Bardesanem (136)
— Testamentum S. Ephraemi (137)

RABULAE

— Vita (159)
— Canones (210)
— Monita ad Coenobitas (212)
— Praecepta et Monita ad Sacerdotes et Regulares (215)
— Epistola ad Andream Samosatenum (222)
— Epistola Andreae ad Rabulam (223)
— Pars Epistolae ad Cyrillum (225)
— Epistola Cyrilli ad Rabulam (226)
— Ex Epistola Gamalinum (230)
— Ex eadem Epistola (231)
— Homilia quam Rabulas habuit in ecclesia Constantinopolitana coram populo universo (239)
— Supplicationes ordinis primi (245)

BALAEI

— Hymni in dedicationem ecclesiae nuper aedificatae in urbe Kennesrin (251)
— Hymni quinque in Acacium episcopum (259)
— Homilia prima in Josephum (270) et octava in Josephum (294)
— Rogationes (331 + 335)
— Canticum in sepulturam Aharonis (336)

ADDITAMENTA

— S. Ephraemi hymni de Paradiso (339)
— Anonymi hymnus ad tonum hymnorum Ephraemi de Paradiso (351)
— S. Ephraemi homilia de regis victoris Constantini baptismo (355)
— Rabulae Supplicationes ordinis quarti (362/ septimi (370)
— Ex Isaaci Magni homilia in Crucifixionem (379)
— Jacobi Sarugensis preces, quas ipse puer memoriter recitabat (382)
— Ejusdem homilia de Virginitate, de Fornicatione et de Conjugio Justorum (384)
— Ejusdem tractatus de Synodo Nicaena (392)
— Joannis Metropolitae Darensis de Matrimonio Sacerdotum (409)
— Gregorii Barhebraei Origines Ecclesiae Syriacae sive Chronici partis tertiae initium (414)
— Hymnus Simeonis Bar Zaboe (424)

Die folgende Darstellung Ephräms wie Rabulas referiert im Wesentlich die Beiträge von A. Friedl und K. Pinggéra, wie sie sich in W. Kleins Syrische Kirchenväter finden, während die spärlichen Informationen zu Baläus sich hauptsächlich S. Landersdorfers Ausgabe in der Bibliothek der Kirchenväter (Bd. 6 von 1912) verdanken, die in der vorhandenden Knappheit recht ausführlich auf Overbecks Edition eingeht.

Ephräm der Syrer (um 306 – 373)
(ܡܪܝ ܐܦܪܝܡ ܣܘܪܝܝܐ / مار افرام الملفان السرياني)

Bereits manche Bemerkungen aus dem Vorwort von Overbecks Edition lassen aufhorchen. Von „Reinheit der Lehre“ und „Heiligkeit des Lebens“ des Syrers ist dort die Rede wie auch von Ephräms Verdiensten als erster Kirchenlehrer Syriens:

Ephräm der Syrer (in Assemani)

„Atque S. Ephraemi quidem scripta inedita publicare non inane inceptum esse existimo, quum vir ille non solum sanitate doctrinae vitaeque sanctitate, sed etiam ingenii felicitate eruditionisque altitudine commendatissimus, merito Syrorum primus et Doctor Ecclesiae et Doctor Scholae appelletur“ (Overbeck vii).

Vor der Betrachtung seines Lebens sei ein Ephräm zugeschriebeness Gebet zitiert, mit dem auch S. Brock seine englische Ausgabe der Paradieshymnen beginnt, da viele Orthodoxe es aus dem Triodion kennen:

„Herr und Lehrer meines Lebens, gib mir keinen Geist der Bequemlichkeit, der leeren Neugier, der Herrsucht und der Geschwätzigkeit.
Sondern schenke mir, Deinem Diener, einen Geist der Nüchternheit, der Demut, der Geduld und der Liebe.
Herr und König, gewähre mir, meine eigenen Fehler zu erkennen und meinen Bruder nicht zu verurteilen. Denn Du bist gepriesen in alle Ewigkeit. Amen.
O Gott, reinige mich Sünder.“

(Ins Deutsche übersetzt aus The Lenten Triodion, translated by Mother Mary and Archimandrit Kallistos Ware, London and Boston 1978, 69f., zitiert nach Brock 7)

Galt Ephräm früheren Jahrhunderten eher als „mehr fromm denn gelehrt“ und seine zutiefst poetische Theologie als schwer verstehbar, so hat sich dieses Bild in der Gegenwart aufgrund der breiteren Erforschung seiner Schriften geradezu ins Gegenteil verkehrt. Heute gilt er „als einer der größten christlichen bzw. religiösen Dichter, als fraglos größter, nur mit Homer und Cicero vergleichbarer Schriftsteller in der Geschichte der Syrisch sprechenden Kirche, als Pfeiler der syrischen christlichen Literatur und Kultur“ (Friedl 36).

Ephräms Leben

Obgleich es an Quellen über Ephräms Leben nicht fehlt, können die wenigsten als verlässlich gelten. So muss etwa das sog. Testament Ephräms, das Overbeck neu editierte, als spätere legendarische Ausschmückung verstanden werden (vgl. Friedl 37).
Wissenschaftlich gesichert ist, dass Ephräm (syr. afrem) um das Jahr 306 in oder bei Nisibis geboren wurden. Nisibis ist heute das türkische Nusaybin an der östlichen Grenze zu Syrien; in hellenistischer Zeit hieß es auch Antiochia in Mygdonien.

Mit Nisibis ist ein weiterer Heiliger der syrischen Christen verbunden, nämlich Jakob von Nisibis, der als Eremit aus dem kurdischen Bergland auf die nisibische Kathedra gewählt wurde, auf der er von 309 bis zu seinem Tod 338 als Bischof wirkte. Er hat Ephräm nachhaltig beeinflusst, zumal Jakob als Teinehmer der Synode von Nikäa in seine Gemeinde die Lehren der nikänischen Orthodoxie pflanzte, zu deren Verteidiger später Ephräm wurde.

Ephräms Eltern dürften bereits Christen gewesen sein. Obwohl die Quellenlage umstritten ist, wird er vermutlich Diakon gewesen sein (vgl. Friedl 38).
Als Bollwerk an der Ostgrenze des römischen Imperiums war Nisibis wiederholt Schauplatz heftiger Angriffe. Bei der Abwehr gegen die Sasaniden verlor Kaiser Julian Apostata 363 mit der Schlacht auch sein Leben. Seinem Nachfolger Jovianus blieb nur übrig, Nisibis samt anderen östlichen Territoren aufgrund eines Friedensvertages abzutreten. Vermutlich fällt in diese Zeit Ephräms Umzug nach Edessa, dem heutigen Urfa in der Süd-Türkei, westlich von Nusaybin.

Neben Nisbis gilt Edessa als das größere Zentrum der Gelehrsamkeit, insofern es ein Schmelztiegel der hellenistischen, römischen und syrischen Kultur und ein Hort der Vermittlung der klassischen Philosophie war (vgl. Friedl 39). Die dortige christliche Gemeinde war zwar nur eine kleine Minderheit unter vielen verschiedenen religiösen Gruppen, führte aber ihren Ursprung bis auf die Zeit der Apostel zurück, was sich in der örtlichen Verehrung des Grabes des Apostels Thomas und eines vermeintlichen und später von Eusebius von Caesarea übersetzten Briefes Jesu an König Abgar V. ausdrückte.

Hier in Edessa wurde Ephräm notgedrungen zum christlichen Apologeten, da er Stellung bezog zu den „heftigen Kontroversen“, die „Markoniten, Bardaisaniten, Arianer, Anhomöer, Manichäer u. a.“ untereinander austrugen (vgl. Friedl 39). „Gleichsam als Gegengift zu Bardaisans Hymnen“ verfasste Ephräm seine Hymnen und Schriftkommentare. Ob die sog. Schule von Edessa tatsächlich von ihm gegründet wurde oder ihn nur als ihren herrausragendster Vertreter führt, ist historisch so offen wie sekundär. Fakt ist, dass die durch ihnen einen Aufschwung erhielt.

Bezeichnend für seine Heiligenlegende ist ein Ereignis, das ihn während einer Hungersnot als Vermittler zwischen den wenigen Reichen und den vielen Notleidenden der Stadt darstellt. Kurz danach starb Ephräm am 3. Juni 373 (vgl. Friedl 39).

Ephräms Werk

Es ist weder möglich noch angemessen, Ephräms Schaffen mit ein paar dürren Worten zusammenzufassen, weshalb dies hier gar nicht erst versucht wird. Glücklicherweise gibt es einige Übersetzungen seiner Werke in moderne Sprachen, so dass – wer mag – selbst ad fontes gehen kann.
Hier können lediglich Anregungen erfolgen, sich mit den syrischen Kirchenvätern und speziell mit Ephräms Schriften zu beschäftigen. Ferner erfolgt der Blick auf Ephräm und die syrischen Väter aus der Perspektive, was Overbeck durch sie über die Orthodoxie erfahren haben mag und was jeder an orthodoxer Theologie wie Frömmigkeit Interessierte über beide erfahren kann.

Seine Werke lassen sich aufteilen in Prosawerke und Poesie bzw. poetische Theologie.

Zur erstgenannten Gattung der Prosawerke gehören
1) die Auslegungen der biblischen Bücher (Exegese) und des Diatesseron (Evangelienharmonie), die Ephräm den Viten nach – dem damaligen Kanon entsprechend – vollständig leistete. Hierbei bediente er sich einer Methode der Auslegung, die sowohl mesopotamische (Themen, Symbole, Wendungen) als auch jüdische Elemente (midraschartig-haggadischer Interpretationsstil) übernimmt.
Hier zeigt sich, dass Ephräms gelegentliche Beschimpfungen und sogar Schmähungen der Juden, die heute als antisemitisch – genauer als antijüdisch, da Ephräm ja selbst Semit war – bezeichnet werden (wobei dieses Adjektiv nicht anachronistisch aufzufassen ist), vor allem die Absicht hatten, die christliche Auslegung von der jüdischen zu unterscheiden, was bezüglich der Schriften der Ersten (Alten) Bundes zu seiner Zeit durchaus noch eine Herausvorderung war. Denn „es ist ein Faktum, dass interessierte Christen in Palästina jüdische (oft sogar spezifisch rabbinische) Auslegungstraditionen kannten. Vermutlich bezogen sie diese Kenntnisse aus den Synagogenpredigten, die zum Leidwesen der Kirchenväter viele Christen gerne hörten“ (Friedl 40f.).
Trotz der Prosa der Exegese „finden sich in seinen Erläuterungen auch poetisch-lyrische Abschnitte, rhytmische Kadenzen sowie kunstvolle rhetorische und stilistische Figuren, verbunden mit der semitischen Vorliebe für Parallelismen und Paradoxa, wie überhaupt sein ganzes Denken Polaritäten bestimmen“ (Friedl 41).
2) die apologetischen (dogmatisch-polemischen) Schriften. „Die Prosarefutationen gegen Markion, Bardaisan und Mani bilden (neben den Hymnen gegen die Irrlehren) die wichtigste Quelle für die Erforschung des Einflusses dieser Lehrer auf die syrische Kirche“ (Friedl 42).
3) Kunstprosa, die im Syrischen griechische Rhetork nachahmte, um besonders in zweisprachigen Gebieten die Ähnlichkeit der beiden Sprachen und Denkweisen zu betonen. Dazu gehören Homilien (Predigten) und der Brief an Publius, einen nicht weiter bekannten Adressaten, mit einer Meditation über das Letzte Gericht.

Daneben steht Ephräms Poesie, die umfasst:
1) Metrische Homilien (memre), also Predigten in einem bestimmten Versmaß, wie sie auch bei anderen syrischen Kirchenvätern beliegt waren.
2) didaktische Hymnen bzw. Lehrgesänge (madrase), die den größten Teil seines Werkes ausmachen und seinen Ruhm als Dichter begründen. Hierzu zählen u. a.:
— Die Hymnen über das Paradies, „die jüdische Traditionen verarbeiten und das rabinische Milieu des frühsyrischen Christentums widerspiegeln“ (Friedl 43)
— die Nisibenischen Hymnen, die neben eschatologischen Themen die Zeitgeschichte reflektieren
Hymnen gegen Julian, die sich gegen den apostatischen Kaiser (361-363) wie auch gegen das in Nisibis blühende Heidentum wenden
— weitere Hymnen zu dezidiert kirchlichen (zu allen Zeiten im Jahreskranz sowie zur Liturgie) bzw. dogmatischen (gegen Irrlehren, über Buße, Askese, Eva, Maria, die Jungfräulichkeit usw.) Themen

In seinem Stil verschmelzen mesopotamische Metaphern (z. B. der Lebensbaum oder die Lebensarznei) mit der griechischen Rhetorik sowie der biblischen Sprachen. Doch bleibt er dabei schnörkellos und erliegt nicht der Versuchung eines wortreichen, aber inhaltslosen Herumphilosophierens. Seine – bei den syrischen Kirchenvätern verbreitete – Vorliebe, das Unerklärliche und geheimnisvolle des Glaubens durch Paradoxe zu verdeutlichen, ist schon erwähnt.

Während in diesem Rahmen leider nicht weiter auf die Bedeutung seiner poetischen Theologie eingegangen werden kann (hierzu sei Friedl 50-53 empfohlen), fasst Friedl kurz und gut zusammen, was Ephräm „unter dem Hören respektive Lesen der Bibel versteht: a) das Suchen des wahren Sinnes, den eine gesunde [sc.: d. h. eine möglichst spekulationsfreie], vom orthodoxen theologischen Standpunkt ausgehende Exegese anbietet, b) die persönliche Aneignung in Ehrfurcht vor diesem wahren Sinn und c) die offene Aufnahme aller Vorstellungen, die der Geist Gottes beim Hören. bzw. Lesen in uns erweckt“ (Friedl 47).

Rabula von Edessa (um 350 – 436)
(ܪܒܘܠܐ ܕܐܘܪܗܝ / رابولا مطران الرها)

War Ephräm der Syrer ein Heiliger der noch einen Kirche Syriens, so gilt dies nicht mehr für Rabula – hier übernehmen wir Overbecks Schreibweise des Namens, während sich in der heutigen Literatur überwiegend „Rabbula“ eingebürgert hat.
Denn bekanntlich fanden die ersten großen wie gravierenden Kirchenspaltungen der Christenheit in Syrien statt: Nach dem Konzil von Ephesos (431) bildeten die Anhänger des Nestorius, der immerhin bis zu seinem forcierten Amtsverzicht Patriarch von Konstantinopel gewesen war, im Osten Syriens eine neue Kirche, die heute unter dem Namen Assyrische Kirche oder Kirche des Ostens bekannt ist.

Die zweite große Spaltung erfolgte bereits zwei Dekaden später, als im Jahr 444 nach dem Tod des Kyrills von Alexandrien, der der herausragende theologische Gegenpol des Nestorius gewesen war, die mit dem Konzil von Ephesus verbundenen dogmatischen Einigungen nicht mehr galten.
Es kam zum Konzil von Chalkedon (451), in dessen Folge als theologische Gegenbewegung zur nestorianischen assyrischen Kirche nun die Syrisch-orthodoxe Kirche entstand.
Beide spalteten sich von der ursprünglichen griechischen Reichskirche ab mit dem Zentrum Byzanz / Ostrom (syr. Rum, weshalb sie rum-orthodox heißt), die heute noch in Syrien im griechisch-orthodoxen Patriarchat von Antiochien fortbesteht und nun auch jenseits ihrer Ursprungsgebiet ihre überwiegend arabisch- und türkischsprachigen Gläubigen betreut.

Obwohl Rabula das Konzil von Chalzedon nicht mehr erlebte, wird er doch gerade in der syrisch-orthodoxen Kirche nicht bloß als Heiliger, sondern auch als großer Kirchenvater verehrt (vgl. Pinggéra 58f.). Jedoch markierte das Konzil nicht den Beginn sondern das Ende vorausgehender heftiger Kontroversen, die nicht immer bloß theologisch-diskursiv, sondern gelegentlich auch handfest unter Beteiligung der Bevölkerung geführt wurden (vgl. Pinggéra 57). Der theologische Streit war also zu Rabulas Lebzeiten entbrannt, und er fand sich inmitten der Auseinandersetzungen.

Wie Kyrill von Alexandrien dem Nestorius widersprach und aufgrund theologischer Meinungsverschiedenheiten zu seinem Widersacher wurde, so stritt Rabula auf lokaler Ebene mit Theodor von Mopsuestia, der als Nestorius‘ Lehrer galt (vgl. Klein 17) und dessen Anhänger mit der sog. Schule der Perser ausgerechnet in Edessa, also im Herzen von Rabuls Metropolie, einen Hort hatten (vgl. Pinggéra 57).
Auch in der Nachbarschaft von Edessa fand Rabula in Bischof Andreas von Samosata einen weiteren Anhänger des Nestorius, mit dem er sich in dem erhaltenen und von Overbeck erstmals veröffentlichten Briefwechsel leidenschaftlich auseinandersetze.

Für seinen Einsatz wurde Rabula sogar von Kyrillos von Alexandrien gelobt, was in einem weiteren – teils fragmentarischen – Briefwechsel überliefert ist: „In der Diözese Oriens sei Rabbula eine Säule und Grundfeste der Wahrheit. Er ermutigte ihn, auch weiterhin die tödliche Krankheit des Nestorius zu vertreiben“ (Pinggéra 68).

Ein weiterer erhaltener Brief Rabulas ist an Gamallinos (Gamalinus bei Overbeck), seinen Amtsbruder und Bischof von Perrhae gerichtet. In ihm geht es um einen sonderbaren Missbrauch, dessen Kritik jedoch einen interessanten Blick auf Rabulas Eucharistieverständnis wirft. Darin kritisiert er einige Mönche, die sich zwar des Verzichts irdischer Speise rühmten, jedoch mehrfach am Tag die heilige Kommunion empfingen und dabei die verwandelten Gaben nicht nur in der Gestalt einer Unmenge von Brot konsumierten, sondern auch in ebensolchen Mengen gewandelten Weines.
„Es scheint, dass sich in diesen Kreisen die Eucharistiefeier mehr oder weniger in ein profanes Sättigungsmahl verwandelt hat. Wenn Rabbula gegen diejenigen, die sich von der Eucharistie »wie von gewöhnlichem Brot nähren«, nun das wahre Wesen der eucharistischen Gaben darlegt, zeigen sich vielfach Motive, die an Ephräm den Syrer erinnern.
Für Rabbula erneuert sich in der Eucharistie das Wunder der Inkarnation, wenn sich der Logos mit den Elementen von Brot und Wein verbindet. Wie bei Ephräm ist diese Speise nicht nur zur Sühne und Heiligung gegeben, sie schenkt uns Gottes Geist und ewige Lebenskraft. Durch die Eucharistie sei »Gott in uns durch seinen Geist, wie wir in ihm sind durch unseren Leib« (Vita: ed. Overbeck 1865, 234-20f.).
Wie sehr dieses von sakramentalen Realismus gekennzeichnete Eucharistieverständnis Rabbulas Denken bestimmt hat, verrät nicht zuletzt die Begründung, mit der er seinen Gläubigen den Besuch der Zirkusspiele untersagt hat. Dabei zuzuschauen, wie Menschen von wilden Tieren gefressen werden, komme für die Christen nicht in Frage, weil sie »gläubig den Leib Gottes essen und sein Blut trinken« (Vita: ed. Overbeck 1865, 179,26f.)“ (Pinggéra 62f.)

Auch hat sich Rabula durch Reformen in die Geschichte eingeschrieben. Sie finden ihren Ausdruck in 59 Kanones, die sich an die Priester sowie an die „Bundersöhne und -töchter“ richteten, die als etablierter Stand in der syrischen Kirche zwischen Klerus und Mönchtum anzusiedeln sind. Ihnen allen rät Rabula, sie sollten nicht mehr als nötig besitzen. „Der Rest sei an die Armen zu spenden (can. 24). Die Priester dürfen niemandem Abgaben auferlegen; kirchliche Belange sollen ausschließlich durch freiwillige Spenden bezahlt werden (can. 6 und 8). Selbst für den Bischof sind von den Laien keine Abgaben zu erheben, wenn er ein Dorf besucht (can. 7). Die Sorge für die Armen und die Aufgabe, den Unterdrückten zu ihrem Recht zu verhelfen, werden den Priestern in besonderer Weise aufgetragen (can. 11 und 12). Es liegt ganz auf dieser Linie, wenn die Vita berichtet, Raubbula habe das silberne Geschirr, von dem die Kleriker speisten, zu Gunsten der Armen verkauft und durch einfaches Tongeschirr ersetzt“ (Pinggéra 61f.).

Die historischen Quellen über Rabbula sind durch die theologischen Auseinandersetzungen um Nestorius je nach Lager stark gefärbt. Dies trifft umso mehr zu, als Ibas, Rabbulas Nachfolger auf der bischöflichen Kathedra von Edessa, die er nur unter Tumulten einnehmen konnte (vgl. Pinggéra 57), als Anhänger des Nestorius genau gegenteilige Vorstellungen zu seinem im Jahr 435 oder 436 verstorbenen Vorgänger vertrat. Doch hat wohl ein Schüler Rabbulas vermutlich noch in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts eine Vita verfasst, die „nicht vorschnell ins Reich tendenziös-unhistorischer Übermalung“ verwiesen werden sollte – „zumindest für die Zeit vor seiner Erhebung zum Bischof […] Über sein Wirken als Bischof stehen uns dann auch Rabbulas eigene Werke zur Verfügung“ (Pinggéra 59).

Es ist Overbeck zu verdanken, dass er beides – Werke wie Vita – mit seiner Edition zum ersten Mal veröffentlich hat. Durch die Vita lernt der Leser Rab(b)ula von seiner Geburt im Jahr 350 in Kenneschrin / Qennschrin / Qinnasrin (LINK) (25 km süd-westl. von Aleppo) bis zu seinem Tod kennen, wobei er darin bewusst als vorbildlicher Bischof und Asket, „ja als alter Christus“ (Pinggéra 59) stilisiert wird, der als skeptischer Heide zum Glauben fand, nachdem er Zeuge mehrerer Wundern – auch eines an sich – wurde.

Baläus von Kenneschrin
(Balai von Qenneshrin) (ca. 400 – 460)
(ܒܠܝ ܐܦܝܣܩܘܦܐ ܕܒܠܫ / بالاي اسقف بالش)

Als frühe Quelle über Baläus bzw. Balai ist nur eine Notiz aus dem 6. Jahrhundert vorhanden, die knapp erwähnt, dass er das Amt eines Chorepiskopos – also etwa eines wandernden Weihbischofs – bekleidet habe. Schon bleibt unklar, in welcher Diözese, doch legen ein Hymnus aus Anlass einer Kirchweihe in Kenneschrin, was wörtlich „Adlerhorst“ bedeutet (vgl. Landersdorfer 63), und mehrere Lobgedichte auf den hochverehrten Bischof Akakios von Beröa bei Aleppo (vgl. Landersdorfer 73-77) nahe, dass er einem von beiden benachbarten Bistümern angehörte.
Nach Bar Schuschan war er Bischof von Balsch (Perpalisus), dem heutigen Maskanah im Südosten von Aleppo. Auch als Chor-Bischof von Aleppo wird er gelegentlich geführt.
Da er ferner in einem Gedicht über den Tod des im Jahr 459 verstorbenen Simeon Stylites schreibt, muss er mindestens solange gelebt haben. Es lässt sich mit weiteren Gründen 460 als sein Todesjahr annehmen (vgl. Landersdorfer 59).

Balai ist ein Heiliger der rum-orthodoxen Kirche: „Dass Baläus stets der katholischen [sc.: im Sinne von „allumfassenden“] Kirche angehört hat, kann nicht bezweifelt werden. Denn die monophysitische Häresie kann er gar nicht mehr erlebt haben; dass er aber vom Nestorianismus frei blieb, beweisen die Loblieder, die er dem Andenken des Bischofs Akazius gewidmet hat“ (Landersdorfer 62).

Allerding deuten seine liturgischen Gebet heute eher auf eine Verwendung im westsyrisch-jakobitischen Ritus der syrisch-orth. Kirche hin. Doch war – wie bereits oben erwähnt – in jener früheren Zeit die heutige byzantinisierte Gestalt der Göttlichen Liturgie in Syrien noch unbekannt, vielmehr war diese ja, historisch richtig betrachtet, als westsyrische Liturgie in griechischer Sprache aus der Theologenschule von Antiochia nach Konstantinopel gelangt (nicht umgekehrt):
„Nach der Kirchentrennung, in Folge des Reichskonzils von Chalkedon 451, wurde die griechisch-sprachige Liturgie von Antiochien [sc: in der syr.-orth. Kirche] ins Syrische übersetzt und diente als Modell für die Reformierung der syrischen Liturgie […] Die melkitische [= rum-orth.] Kirche folgte bis zum zehnten Jahrhundert der antiochenischen Liturgie, die aber dann während der byzantinischen Besetzung von Nordwest-Syrien 964-1094 durch den byzantinischen Ritus fast vollständig ersetzt wurde. Vieles, was sie damals mit dem syrisch-orthodoxen Ritus gemeinsam hatten, gaben die Melkiten auf und ersetzen es durch Elemente der byzantinischen Liturgie, die ins Syrische übersetzt wurden“ (Shemunkasho 156f.).

Im Hinblick auf Balais dichterisches Schaffen hält Landersdorfer fest: „Baläus scheint ein sehr fruchtbarer Dichter gewesen zu sein, obwohl ein großer Teil seiner Dichtungen verloren ist. Handschriftlich sind dieselben, soweit sie erhalten sind, in den kostbaren Sammlungen von London, Oxford, Paris und Berlin, ebenso in der Bibliotheca Medico-Laurentiana in Florenz und in der Vaticana überliefert. Phenix nennt ihn „the earliest extant author of Syriac who lived west of the Euphrates“ (Phenix 56).

„Häufig wird der Name des Dichters gar nicht erwähnt“, so Landersdorfer weiter, „sondern lediglich das Versmaß bezeichnet, und zwar nach den Anfangsworten einer nach der gewöhnlichen Annahme von ihm herrührenden, überaus häufig zitierten Strophe im fünfsilbigen Metrum: »Der Du Dich der Sünder erbarmst«.
Da sich unser Dichter fast ausschließlich dieses Versmaßes bediente, wurde die genannte Bezeichnung mit Vorliebe für seine Dichtungen benützt, wie es auch zahlreiche Gebete gibt, die in einer Quelle seinen Namen, in einer anderen aber nur jene auf das Metrum bezogene Überschrift tragen“ (Landersdorfer 59f.).
Es gibt im Beth Gazo, der oben beschriebenen Syrischen Schatzhöhle, einige wenige Gedichte und Predigten, die ihm zugeschrieben werden, aber vielleicht ist auch hier wieder der Names des Versmaßes und nicht der Autors selbst gemeint.

Balai soll abschließend selbst zu Wort kommen mit einer wunderbaren Passage, in der es um den Stern von Betlehem geht. Ist es ein Stern mit zweierlei Aussehen, der die Magier leitete? Oder ein Doppelstern, ein Algol, dessen gewöhnliche astrologische Drohbotschaft hier einer Frohbotschaft weichen muss? Geht es bei dieser stellaren Metapher gar um eine Illustration der antiochenischen Frage der Theologie des 5. Jahrhunderts, nämlich der Zwei-Naturen-Lehre? Der Autor sagt es selbst: Der eine Stern für die offenbare menschliche Natur Jesu, der andere aber für seine geoffenbarte göttliche Natur. Sind im Stern somit beide Naturen ungetrennt, aber auch unvermischt (vgl. Klein 22-25)? Fragen, die an dieser Stelle keine Antwort erhalten könnten.
Balai schreibt: „Der Stern verbarg sich oben für eine Weile, als die heiligen Schriften auftraten und statt seiner redeten; er schwieg am Himmel, als er sah, wie die Schriftgelehrten seine Geheimnisse den Babyloniern deuteten. Als sie die Bücher aufschlugen, senkte er sein Licht, neigte sich herab und leuchtete in ihren Büchern. Nachdem sie die Bücher geschlossen hatten, zeigte er seine Strahlen wieder den Magiern, welche nur gelernt hatten, was er bedeutete. Jene wanderten auf dem Wege und er am Himmel, jene lasen durch die Schriftgelehrten und er in den Büchern; jene kamen nach Betlehem, da stand er über der Höhle; jene gelangten zur Krippe, da strahlte er in den Windeln.
Sein Stern bezeichnet seine Gottheit und deutet das Verborgene und das Offenbare in ihm an. Dass er den Weg zeigte, bedeutet die Gottheit; dass er sich zur Krippe herab senkte, die Menschheit. Der Himmel trug ihn bis nach Zion; in Judäas Stadt erstrahlte er in den Büchern. Er war in den Büchern und auch am Himmel; denn oben und unten ist er der Herr“ (Landersdorfer 70).

Schlussfolgerungen

1. Die Tradition ist der Ausgangspunkt aller Konfessionen
Möglicherweise hat Overbeck aufgrund seiner Editionsarbeit ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass dogmatische Streitfragen schnell an den Rand von Kirchenspaltungen führen können – und darüber hinaus. Obgleich in der alten syrischen Kirche heftig um eine oder zwei bestimmte theologische Fragen gestritten wurde, betrafen diese letztlich nur einen sehr kleinen Aspekt der gesamten, bis Chalkedon entwickelten kirchlichen Lehre. Genauer gesagt ging es nur um einige Streitpunkte der Christologie (Zwei-Naturen-Lehre), die auch die Trinitätstheologie berührten – und doch wurden sie zu verheerenden Kirchenspaltungen.

Overbeck dürfte im Analogieschluss erkannt haben, dass auch die Trennung von West- und Ostkirche 1054 aufgrund geringer dogmatischer, aber großer kultureller Differenzen erfolgt war. Karl der Große wollte ja unbedingt Nachfolger der römischen Kaiser werden – und das ging nur, indem man die oströmischen Kaiser zu Häretikern erklärte. So wurde der Streit um das Filioque – nach einer heutigen Sicht – zum Vorwand, um aus macht- wie kirchenpolitschen Gründen das sog. Morgenländische Schisma herbeizuführen. Mit den Worten Kahles: „Die Einführung des filioque in das Glaubensbekenntnis ist nur ein Zeichen, wenn auch ein gewichtiges Zeichen ihrer Herauslösung aus dem orthodoxen und gemein-katholischen Zusammenhang. Auch das Jahr 1054 war nur ein Schritt auf diesem Wege der Isolierung. Er wäre rückgängig zu machen gewesen, aber gerade die Häufung von Synoden und Erlassen in der Papstkirche während des 11. und 12. Jahrhunderts hat die Entwicklung, die in diesem Jahre zum Ausdruck kam, bestätigt und irreparabel gemacht. Overbeck sieht das Band zwischen der Kirche des Ostens und des Westens endgültig erst mit dem Ablauf des 12. Jahrhunderts als zerschnitten an“ (a. a. O. 92).
Wesentlich gravierender scheint für ihn der zu seiner Zeit – vor und besonders nach 1870 – die Gemüter erhitzende Unfehlbarkeitsanspruch der Päpst zu sein, weil er eine in der Kirchengeschichte unerhörte Neuerung und einen gravierenden Traditionsbruch darstellt (vgl. Kahle 93ff.). Overbeck hält dem die Vision einer neuen Kirchenunion entgegen – ohne die Fehler der vorigen, vor allem ohne den Fehler Roms, jede Union dem herrschsüchtigen „Streben der Konzentration der Gesamtmacht in der Hand des Papstes“ (Overbeck zitiert nach Kahle 96) unterzuordnen.

2. Wahre Katholizität überschreitet die Konfessionen
Wie oben ausgeführt, hat es im ersten Jahrtausend so gut wie keine großen liturgischen Unterschiede zwischen den drei syrischen Konfessionen gegeben: „Die Einteilung der Liturgien in »westsyrische« und »ostsyrische« Liturgie erfolgte im Wesentlichen aufgrund der Eigenarten der Eucharistiefeier und dem ältesten dafür verwendete Liturgieformular. Man kann davon ausgehen, dass all diese Liturgien verwandte Formen und Abläufe aufweisen. Sie unterscheiden sich voneinander darin, dass die Abfolge der Teile gelegentlich ungewöhnlich ist, dass einzelne Gebete anders formuliert sind, dass spezifische theologische Akzente gesetzt sind. Sie unterscheiden sich nicht in ihren grundsätzlichen Formen der Bitte, des Dankes und des Lobpreises für die Heilstaten Gottes“ (Renhart 134f.). Renhart meint hier mit dem „ältesten Liturgieformular“ die Liturgie von Addai und Mari, die ja zu den 72 Jüngern des Herrn gerechnet werden. Doch kennt die nestorianische Kirche – nach einer früheren Vielzahl von Anaphoren – noch zwei andere, seltener gefeierte Liturgien: die erste wird interessanterweise Theodor von Mopsuestia zuschrieben, die zweite hingegen gar Nestorius. Während die erstgenannte Anaphora auf Syrisch verfasst wurden, gilt für die beiden anderen, dass sie in Konstantinopel auf Griechisch verwendet wurden (vgl. Gelston 74). Vermutlich wurde die Anaphora des Nestorius sogar auf Griechisch verfasst, möglicherweise im Umfeld des Basilius von Caesarea. (vgl. Gelston 85f.)
Neben dem Verbindenden einer gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Liturgie verband die drei syrischen Konfessionen auch das Syrische – egal, ob West- oder Ostsyrisch – nicht bloß als Kulturmerkmal, sondern auch als Glaubensmerkmal, denn es stammt vom Aramäischen ab, der Sprache Jesu. Als antike Verkehrssprache galt es als das „Latein des Orients“.
Noch heute – rund 1570 Jahre später – wirken die Unterschiede zwischen den drei syrischen Kirchen geringer als die zwischen Katholiken und Protestanten (Lutheraner überwiegend ausgenommen), wenn man sie am Verständnis des dreigeteilten Amtes, der Sakramente und speziell der Eucharistie misst.

Dies alles dürfte auch Overbeck gewusst haben oder spätestens bei seiner Editionsarbeit wieder zu Bewusstsein gekommen sein. Ihm geht es um Katholizität in der ursprunglichen Bedeutung des Wortes als allumfassend: „Denn der von ihm gesuchte Gesprächspartner sind ja nicht die Kirchen als institutionelle Größen, sein Gesprächspartner ist vielmehr der homo catholicus in allen Kirchen und Gruppen der Christenheit. Ihn will er rufen und sowohl vor der zentralistisch-katholischen als auch von protestantisch-subjektivistischen Einflüssen bewahren“ (Kahle 102). Den Katholizimus sieht er im Protestantismus als von Luther „zu einem Aggregat vom heiligen Geiste inspiriter Bibelleser“ – diesen Vorwurf wiederholt er später mehrfach unter dem Stichwort Bibliolatrie – geschrumpft und traditionsvergessen: „Das mangelnde Verständnis des Protestantismus zur Tradition ist zugleich mangelndes Verhältnis zur Geschichte. Die Betonung der Bibel unterstützt den Subjektivismus. Beides hinwiederum führt zu einer falschen Beziehung zur Bibel selbst, die rechte Zuordnung von Schrift und Tradition sieht Overbeck im Protestantismus nicht gegeben“ (Kahle 104f.).

3. Alle Wege führen nach Ostrom
Damit seine Vorstellungen von einem orthodoxen Westritus in der gesamten Orthodoxie akzeptiert würden, würde es nicht reichen, die Anerkennung seiner Petition von 1867 – für deren Formulierung es zehn Jahre gebraucht hatte (vgl. Kahle 65) – allein durch den Hl. Synod des Moskauer Patriarchat zu erreichen.
Es gehörte zu Overbecks späten Einsichten, 1879 als bereits älterer Herr nach Konstantinopel zu reisen, um auch das Ökumenische Patriarchat um eine Genehmigung für den von ihm konzipierten orthodoxen Westritus zu bitten (vgl. Kahle 79). Doch weder hier noch in Moskau oder am Sitz der anderen großen Patriarchate konnte seine Idee überzeugen.
Rund 25 Jahre nach der Eingabe seiner Petition beim Hl. Synod in Moskau und somit einer ebenso langen Zeit vergeblichen Wartens klingt eine von Overbecks letzten erhaltenen Äußerungen dazu 1893 resignativ: “ […] aspirations, recueillis avec joie par tous les véritables Orthodoxes récommandés et poussées par les Saintes Synodes de la Russie, de la Roumanie, de la Serbie, approuvées par les Patriarches des Constantinople, d’Alexandrie, de Jerusalem, mais finalment excrasées et anéanties par le Véto de la Synode Hellénique“ (Kahle 88. In Übersetzung: „Bestrebungen, die freudig von allen wahren Orthodoxen aufgenommen, von den Heiligen Synoden Russlands, Rumäniens und Serbiens empfohlen und vorangetrieben, von den Patriarchen von Konstantinopel, Alexandria und Jerusalem gebilligt, aber schließlich vom Veto der griechischen Synode zerschmettert und vernichtet wurden.“)

Dennoch geschah das Wunder, auf das Overbeck so lange gehoffte hatte, aber das er nicht mehr erlebte:
— 1904 genehmigt der Hl. Synod auf Bitten Erzbischofs Tichons die amerikanische Version des Book of Common Prayer zur Verwendung für einige frühere episkopale und nun zur Orthodoxie konvertiere Gemeinden und legte damit den Grundseitein für das spätere Westritus-Vikariat der Russischen Auslandskirche (ROCOR WR)
— 1912 erlaubte der antiochenisch-orthodoxe Metropolit von Beirut, Gerassimos (Messarah), die Verwendung des Rituale Romanum
— 1958 gestattete der antiochenische Patriarch Alexander III. auf Bitten der amerikanischen Metroplie den orthodoxen Westritus, was dort zur Gründung des Antiochenischen Westritus-Vikariates (AWRV) führte.

Literatur

Art. Rabbula von Edessa, in: Wikipedia.

BKV 6 = Ausgewählte Schriften der syrischen Dichter: Cyrillonas, Baläus, Isaak von Antiochien und Jakob von Sarug. Aus dem Syrischen übersetzt von Simon Landersdorfer (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 6), Kempten / München: Kösel 1912.

BKV 37 = Des heiligen Ephräm des Syrers ausgewählte Schriften. Aus dem Syrischen und Griechischen übersetzt. Mit einer allgemeinen Einleitung von Otto Bardenhewer. (Des heiligen Ephräm des Syrers ausgewählte Schriften Bd. 1. Eine Auswahl patristischer Werke in dt. Übers. Hrsg. von O. Bardenhewer u. a. = Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 37) Kempten; München : J. Kösel : F. Pustet, 1919.

BKV 38 = Ausgewählte Schriften der syrischen Kirchenväter Aphraates, Rabulas und Isaak von Ninive. Zum ersten Male aus dem Syrischen übersetzt von Dr. Gustav Bickell, Kempten 1874.

CSCO = Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium vol. 174, ed. Dom Edmund Beck (= Scriptores Syri, vol. 78, Louvain 1957).

Assemani, Giuseppe Simone (Arabic: يوسف بن سمعان السمعاني‎ Yusuf ibn Siman as-Simani, English: Joseph Simon Assemani, Latin: Ioseph Simonius Assemanus), 1687-1768: Bibliotheca Orientalis Clementino-Vaticana in qua manuscriptos codices Syriacos, Arabicos, Persicos, Turcicos, Hebraicos, Samaritanos, Armenicos, Aethiopicos, Graecos, Aegyptiacos, Ibericos, et Malabaricos, jussu et munificentia Clementis XI Pontificis Maximi ex Oriente conquisitos, comparatos, et Bibliotecae Vaticanae addictos Recensuit, digessit, et genuina scripta a spuriis secrevit, addita singulorum auctorum vita, Joseph Simonius Assemanus, Syrus Maronita (Rome, 1719–1728), vol. I, Romae 1719.
ders.: Ephraemi Syri opera omnia quae extant, Gr., Syr., et Lat., 6 vols. folio (Rome, 1737–1746).
Baläus (von Aleppo): Ausgewählte Gedichte des Baläus, BKV 6 (s. o.)
Bickell, Gustav: (s. o. BKV 38)
Brock, Sebastian: Hymns on paradise — St. Ephrem the Syrian, Crestwood (NY): St. Vladimir’s Seminary Press 1990.
Gelston, A.: The Origin of the Anaphora of Nestorius – Greek or Syriac?, in: Bulletin of the John Rylands Library 78/1996, 73-86.
Groen, Basilius J. / Gastgeber, Christian (Hgg.): Die Liturgie der Ostkirche. Ein Führer zu Gottesdienst und Glaubensleben der orthodoxen und orientalischen Kirchen, Freiburg i. Br. et al.: Herder 2/2013.
Friedl, Alfred: Ephräm der Syrer, in: W. Klein (Hg.), 36-56.
Kahle, Wilhelm: Westliche Orthodoxie. Leben und Ziele Julian Joseph Overbecks, Leiden/Köln: Brill 1968.
Klein, Wassilios: Einleitung, in: Klein, W. (Hg.): Syrische Kirchenväter, a. a. O., 13-30.
ders. (Hg.): Syrische Kirchenväter, Stuttgart: Kohlhammer 2004.
Kremer, Thomas: Mundus primus – Die Geschichte der Welt und des Menschen von Adam bis Noach im Genesiskommentar Ephräms des Syrers, Louvanii: Peeters 2012.
Landersdorfer, Simon Konrad OSB: Vorrede zu den Schriften der syrischen Dichter (= BVK 6, s. o.)
Overbeck, Julian Joseph: S. Ephraemi Syri, Rabulae episcopi Edesseni, Balaei aliorumque opera selecta e codibus Syriacis manuscriptis in Museo Britannico et Bibliotheca Bodleina asservatis primus ed. J. Josephus Overbeck, Oxonii: E typographeo Clarendonian 1865.
ders.: Das Londoner Exemplar des Florentiner Unions-Dekretes, Allgemeine Zeitung Augsburg, Beilage S. 2237, 1870.
Pinggéra, Karl: Rabbula von Edessa, in: W. Klein (Hg.), 57-70.
Phenix, Robert R.: The sermons on Joseph of Balai of Qenneshrin: rhetoric and interpretation in fifth-century Syriac literature, Tübingen: Mohr Siebeck 2008.
Renhart, Erich: Der osyrische Ritus, in: Groen / Gastgeber (Hgg.), 133-153.
Shemunkasho, Aho: Der westsyrische Ritus, in: Groen / Gastgeber (Hgg.), 154-184.

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Orthodoxer Ethnophyletismus als „Integrationshindernis“

Am 6. Januar 2020 gab der serbisch-orthodoxe Bischof Grigorije Duric (Düsseldorf) im Deutschlandfunk ein beachtenswertes Interview, in dem er gegen den auch in der Orthodoxie in Deutschland vorhandenen Ethnophyletismus (Nationalismus) und im Blick auf die nachwachsenden Generationen für die stärkere Verwendung von Deutsch in der Liturgie eintrat. Von sich und seinen Priestern verlangt er, Deutsch möglichst gut zu beherrschen.

Ein Schild, das nicht nur für Griechen und Philhellenen verstehbar ist. (Bild)

Obgleich Bischof Grigorije den Begriff Ethnophyletismus nicht verwendete, beschrieb er genau jene nationalistische Haltung, die bereits 1872 auf der Panorthodoxen Synode in Konstantinopel verurteilt wurde.
Auch der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios von Austria nannte seine Überwindung eine große Herausforderung unserer Zeit, um die Einheit der Orthodoxie in der Diaspora herzustellen.

Die Gedanken der beiden Bischöfe sind vermutlich vor dem Hintergrund anhaltender gesellschaftlicher Diskussionen zu verstehen.
So plant die deutsche Bundesregierung nach einem Entwurf, der dem Kabinett am 6. November 2019 vorgelegt wurde, eine neue Beschäftigungs- und Aufenthaltsverordnung, nach der „ausländische Religionsbedienstete“, die nicht aus der EU nach Deutschland kommen, „hinreichende“ Deutschkenntnisse nachweisen sollen. Absicht ist, durch ein solches Gesetz „einen wichtigen Beitrag zu erfolgreichen Integration in Deutschland“ zu ermöglichen.

Im Sinne des Gleichbehandlungsgrundsatzes wären davon Geistliche aller Religionen betroffen, so dass die Deutsche Bischofskonferenz angesichts vieler Priester aus Indien und Afrika bereits vor zu hohen Hürden warnte. Inwieweit die geplante Verordnung auch orthodoxe Geistliche, die etwa aus Russland oder Syrien stammen, betrifft, bleibt abzuwarten.

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Nemesius von Homs (Νεμέσιος Εμέσης / نيميسيوس حمص) – ein großer Unbekannter, der Ost und West verbindet. 1. Teil

von Br. Raphael

قام نيميسيوس(390) اسقف حمص في سوريا بتطوير نظرية الدماغ كمقر للروح وصفاتها من خيال وفكر وذاكرة، ( الطبيعة الإنسانية)

Zusammenfassung: Nemesius (um 390), Arzt, Bischof und Philosoph aus Homs in Syrien, entwickelte die Theorie des Gehirns als Sitz der Seele und ihrer Qualitäten von Vorstellungskraft, Denken und Gedächtnis (Über die menschliche Natur). Seine Schriften wurden fälschlich unter prominentem Namen tradiert und in lateinischer Übersetzung auch im Westen mit großem Interesse u. a. von Albertus Magnus rezipiert.

Nomina sunt numina – Namen sind Geheimnisse
oder: Die vielen Namen des Nemesius

Schon mit seinem Namen beginnen die Schwierigkeiten: Im Mittelalter findet er sich gelegentlich unter der latinisierten Bezeichnung Nemesius Emesenus oder als Nemesius von Emesa.

Die Hirnventrikel und ihre Funktionen nach Nemesius, aus der Philosophia naturalis des Albertus Magnus, Basel 1506 (dazu s. u.)

Zurecht erinnert jedoch Khalil Samir mit seiner Veröffentlichung der arabischen Übersetzung von Nemesius‘ griechischen Schriften unter dem Titel Les versions arabes de Némésius de Ḥomṣ (Rom 1986) daran, dass das einstige Emesa das heutige Homs in Syrien ist – eine Stadt, die 2016 international bekannt wurde, weil sie die schon katastrophalen Nachrichten aus dem syrischen Bürgerkrieg noch an Tragik übertraf. Heute gibt es dort in den Trümmern wieder Hoffnung.

Ging der Name Nemesius Emesenus mittelalterlichen Kopisten derart schlecht von der Feder, dass sie ihn wie selbstverständlich mit dem des bekannten Nixenus oder Nyssenus verwechselten und ihm, also Gregor von Nyssa, das Werk des Emeseners De natura hominis zuschrieben, weshalb es lange fälschlich unter dem Namen des prominenten Kirchenvaters überliefert wurde?
Tatsächlich war es jedoch – trotz des weniger theologischen denn medizinisch-naturwissenschaftlichen Stils des Emeseners – die starke inhaltliche Verwandschaft zwischen Gregor und Nemesius, die zur Verwechselung dieses mit jenem führte.

Die Stadt Homs und ihre berühmten Kinder

Doch Nyssa in Kleinasien hat mit dem syrischen Emesa wenig gemeinsam. Die Ursprünge Emesas bzws. Homs‘ reichen bis ins dritte vorchristliche Jahrtausend zurück. Aufgrund seiner günstigen geographischen Lage wurde es schnell weltgeschichtlich bedeutsam. Sein Klima ist durch den Fluss Orontes mild und feucht, was gerade auch im trockenen Westen Syriens begünstigend ist. Es wurde zudem wohlhabend, weil es an der Krawanenstraße zum Persichen Golf lag.

Homs ist vom Mittelmeer Luftline ungefähr 80 km entfernt. Der gesamte Mittelmeer-Raum ist bekanntlich Siedlungsgebiet der Griechen gewesen, die es nach Platon umringten wie Frösche einen Teich. In diesem Fall waren die Griechen durch das Seleukidenreich vertreten, das in der Nachfolge Alexanders des Große zu den hellenistischen Diadochenstaaten gehörte.
Dieses Gebiet beanspruchte im ersten Jahrhundert vor Christus das Volk der Emeser, das für ein semitisches Nomandenvolk aus dem arabischen Raum gehalten wird, und besetzte es.

Klugerweise paktierten die Fürsten von Emesa danach mit der neuen Supermacht am Mittelmeer – den Römern. Dadurch gewann Emesa weiter an Bedeutung und geriet so sehr in das strategische Blickfeld der römischen Kaiser, dass Domitian Emesa schließlich – unter Verlust der bisherigen Eigenständigket – in seine Provinz Syria eingliederte.

Mehrere Meilensteine aus der reichen Geschichte Homs seien nun kurz anhand ihrer berühmtesten Söhne dargestellt.

Kaiser Marcus Aurelius Antoninus,
genannt Elagabal (218-222), aus Emesa

Emesa wurde dermaßen römisch, dass aus ihm sogar ein römischer Kaiser namens Elagabal hervorging. Er gehörte zu den wundersamsten Imperatoren, die das skandalverwöhnte Rom je gesehen hat. Denn er zogt 219 (n. Chr.) in die Ewige Stadt ein mit einem bienenkorbförmigen schwarzen Stein (ein Meteorit, wie in der Kaaba von Mekka?) im Gepäck, um in der Ewigen Stadt relativ rücksichtslos den mit dem Stein verbundenen Kult des Sonnengottes Elagabal, dessen Namen er gleich selbst programmatisch annahm, einzuführen. Bald wurde der junge Kaiser in seinen kreischbunten Gewändern als Oberpriester zum Synonym für orientalische Dekandenz und Lasterhaftigkeit (mehr dazu in Martijn Icks lesenswerter Darstellung auf S. 8f. und 26-58).
Die nun arbeitslos gewordene Kaste der Tempelpriester war dann auch im Hintergrund beteiligt, als er nach nur drei Jahren 222 n. Chr. als Kaiser ermordert wurde. Der verhaßte Schwarze Stein wurde anschließend stillschweigend aus Rom entfernt und angeblich wieder nach Emesa verbracht, wo sich jedoch seine Spuren im Treibsand der Geschichte verlieren.

Zweite Auffindung des Hauptes
des hl. Johannes des Täufers nahe Emesa

Für die Christenheit und speziell für die Orthodoxie, die diesen Tag liturgisch festlich feiert, verbindet sich mit Emesa ein anderes wichtiges Ereignis, denn in einem Kloster nahe der Stadt wurde im Jahr 452 die lange verloren geglaubte Reliquie des Hauptes des Johannes des Täufers erneut wiedergefunden.

Mit der Kirche von Antiochien feiert die gesamte Orthodoxie diesen Tag als die sog. „zweite Auffindung des Hauptes des hl. und ruhmreichen Propheten und Vorläufers Johannes des Täufers“. (Es gibt auch noch ein Gedächtnis der 3. Auffindung, mehr dazu hier).

Das Troparion des hl. Vorläufers Johannes (Ton 4):
„Das Haupt des Vorläufers wurde aus der Erde ans Licht gebracht, unsterbliches Licht und Heilungen gewährt es den Gläubigen. Droben versammelt sich der Engel Schar, drunten ruft das Menschengeschlecht zu Christus, Gott, einstimmigen Lobpreis.“

Romanos Melodos (Ca. 485-560), der Hymnograph und theorrhetor aus Emesa

Auch Romanos Melodos ist ein Sohn Emesas, wo er um das Jahr 485 geboren wurde. Die orthodoxe Kirche verehrt ihn als Heiligen. Er wird Gottredner, theorrhetor, genannt, wohl deshalb, weil er bei seinen Komponistionen als Quelle reichhaltig aus den Kirchenvätern schöpfte. Seine Hymnen sind somit gesungene Theologie.

Papst Anicetus (ca. 100-166),
10. Bischof von Rom,
geboren in Emesa

Sogar ein römischer Papst kommt aus Emesa:
Die älteste Liste der Bischöfe von Rom bei Irenäus von Lyon nennt Anicetus als den zehnten in der Reihe der Nachfolger des Petrus; sein Geburtsort Emesa wird im Buch der Päpste genannt. (Quelle)

Der zweite Teil dieses Beitrags wird fortgesetzt werden mit folgenden Ausführungen:

Nemesius‘ erste christliche Anthropologie

Ein weiterer bedeutenden Sohn der Stadt Emesa bzw. Homs ist – wie bereits erwähnt – Nemesius. Er gilt als einer der frühen Bischöfe von Homs (vom Ende des 4. Jhs.) und als Autor der ersten christlichen Anthropologie mit dem Titel Über den Menschen, in die sehr viel von seinem Wissen als Arzt und aus seiner umfassenden Kenntnis der griechischen Philosophie einfloß. So gilt seine Beschreibung des menschlichen Gehirns und seiner Funktionen als bahnbrechend.

Kirchenväter bedienten sich bei Nemesius

Von Johannes von Damaskus ist erwiesen, dass er Nemesius‘ Schrift höchst intensiv als faktenreichen Steinbruch zum Thema Mensch nutzt, wie Helen Brown Wicher (S. 35f.) in einer Übersicht dargestellt hat.

Der hl. Johannes von Damaskus kannte Nemesius‘ Schrift gut (Ikone aus St. Dimitrios, Köln)
Albertus Magnus (ca. 1200-1280)
hielt Nemesius für Gregor von Nyssa

Nachdem Nemesius‘ Schrift über den Menschen ins Lateinische übersetzt worden war, entdeckten ihn auch scholastische Gelehrte wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin – allerdings unter falschem Namen.

Literatur (in stark beschränkter Auswahl):

1. Quellen:
Nemisus Emesenus: Perí physeōs anthrōpou / De natura homini. Graece et latine, ed. Chr. Fr. Matthaei, Halle 1802 (ND Hildesheim: Olms 1967 / 2013).
1.1 Arabische Übersetzungen:
– Samir, Khalil SJ: Les versions arabes de Némésius de Ḥomṣ, in: L’eredità classica nelle lingue orientali, ed. M. Pavan ed U. Cozzoli, Rom 1986, 99-151.
1.2 Lateinische Übersetzungen:
– Burkhard, Karl (Hrsg.): Nemesii episcopi premnon physicon sive peri physeos anthropou liber a N. Alfano archiepiscopo Salerni in Latinum translatus. Teubner, Leipzig 1917. (Digitalisat)
– Morani, Moreno (Hrsg.): Nemesii Emeseni de natura hominis. Teubner, Leipzig 1987. (kritische Ausgabe).
– Verbeke, Gérard / Moncho, José Rafael (Hrsg.): Némésius d’Émèse: De natura hominis. Traduction de Burgundio de Pise (= Corpus Latinum commentariorum in Aristotelem Graecorum Suppl. 1). Brill, Leiden 1975. (kritische Ausgabe mit ausführlicher Einleitung)
1.3 Deutsche Übersetzungen:
– Orth, Emil: Nemesios von Emesa: Anthropologie, Kaisersesch: Verlag Maria-Martental 1925.
– Osterhammer, Joh. G. (Kgl.-bay. Landgerichtsarzt): Nemesius Bischoff zu Emesa in Phönizien im vierten Jahrhundert, von der Natur des Menschen, nach dem Urtheile der Gelehrten. Eine der scharfsinngsten Schriften des ganzen christlichen Alterthumes, Salzburg 1819.
1.4 Englische Übersetzung:
– Wither, George: The Nature of Man. A learned and usefull tract written in Greek by Nemesius, surnamed the philosopher; sometime Bishop of a city in Phoenicia, and one of the most ancient Fathers of the Church. Englished, and divided into sections, with briefs of their principall contents, London: Printed by M[iles] F[lesher] for Henry Taunton in St. Dunstans Churchyard in Fleetstreet 1639. (erste englische Übersetzung)
– Sharples, Robert W. / van der Eijk, Philip J.: Nemesius: On the Nature of Man. Liverpool: University Press 2008.
1.5 Französische Übersetzung:
– Thibault, M. J. B.: Némésius – De la nature de l’homme, Paris 1844.

b) Sekundärliteratur:
– Albertus Magnus: Über den Menschen, lat.-dt., Hamburg: Meiner 2006.
– Bouillet, Marie-Nicolas: Les Ennéades de Plotin Ammonius Saccas. Fragments conservés par Némésius, Bd. 2, Paris 1859.
– Brown Wicher, Helen: Nemesius Emesenus, in: Catalogus Translationum et Commentariorum VI, Washingtion (D. C.) 1986, 31-72.
– Dobler, Emil: Falsche Väterzitate bei Thomas von Aquin: Gregorius, Bischof von Nyssa, oder Nemesius, Bischof von Emesa? (= Dokimion / Neue Schriftenreihe zur Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie), Fribourg: Academic Press 2001.
– Domanski, B.: Die Psychologie des Nemesius, BGPhMA III/1 (= Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters), Münster: Aschendorff 1900.
– Icks, Martijn: Elagabal. Leben und Vermächtnis von Roms Priesterkaiser, Darmstadt: WBG 2014.
– Kallis, Anastasios: Der Mensch im Kosmos. Das Weltbild Nemesios’ von Emesa. Münster: Aschendorff 1978.
– Parry, Ken: Locating Memory and Imagination: From Nemesius of Emesa to John of Damascus, in: ders: Dreams, Memory and Imagination in Byzantium, 35-56.
– Streck, Martin: Streck: Das schönste Gut. Der menschliche Wille bei Nemesius von Emesa und Gregor von Nyssa, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005. (Digitalisat).
– Telfer, Wiliam (Hg.): Cyril of Jerusalem and Nemesius of Emesa (= The Library of Christian Classics Volume IV), London: SCM Press 1955.
– Vanhamel, Willy: Némésius D’Émèse, évêque, fin 4e siècle, in: Dictionnaire de spiritualité, fasc. 27/73, Paris 1981, col. 92-99.


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Das Benediktinerkloster auf dem Athos

Zum Artikel „Benedictine Monastery on Mount Athos“ von John Nichiporuk vom 28.11.19. Oder auf das Bild klicken.

Der Turm als Überbleibsel des früheren Benediktinerkloster auf dem Athos
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Orthodoxie für alle. Zur Katholizität der orthodoxen Kirche

Von Father Patrick Cardine (AWRV)

Vortrag auf der „Versammlung der Antiochenischen Erzdiözese
der USA“, zuletzt vom Autor redigiert am 28.11.19

Mit dem Segen und der freundlichen Genehmigung
des Verfassers aus dem Englischen übersetzt von Br. Raphael*

[Es handelt sich in leicht abgwandelter Form um das Skript zu folgendem Video:]

„Wir Orthodoxe lehren, dass wir die eine, heilige und katholische Kirche sind. Wir dürfen nicht die ganze Welt zwingen, östlich zu werden, um gerettet zu werden! Der Glaube muss einer sein und orthodox, aber seine Ausdrucksformen haben sich immer den Kulturen und Völkern angepasst, die Christus angenommen haben.“ – Metropolit Anthony Bashir

Metropolit Anthony Bashir (-1966) AOP

Wie viele Menschen innerhalb und außerhalb der orthodoxen Kirchen setzen heute Orthodoxie mit „östlich““, „byzantinisch“, „griechisch“ oder „slawisch“ gleich?

Metropolit Anthony Bashir seligen Angedenkens warnte uns eindringlich davor, orthodox nicht mit östlich zu verwechseln. Vielmehr bestand er auf der Katholizität unseres apostolischen Glaubens in seinen verschiedenen Formen und Ausdrücken.

Und er sprach nicht allein über ethnische Zugehörigkeit und kulturelle Bräuche, sondern über die liturgischen Riten der universalen Kirche.

Vr. Alexander Schmemann (1921-1983)

Vater Alexander Schmemann drückte dieselben Gedanken aus, als er schrieb:

„Die Einheitlichkeit der Riten in der orthodoxen Kirche ist ein vergleichsweise spätes Phänomen, und die Kirche hat liturgische Uniformität niemals als eine wesentliche Bedingung ihrer Einheit erachtet.“

Vr. Johannes Baron von Meyendorff
(1926-1993)

Ähnlich Vater John Meyendorff:

„Die orthodoxe Kirche hat ihre Liturgie niemals so betrachtet, als müsse sie in den kulturellen Formen vom Byzanz des zehnten Jahrhunderts ein für allemal eingefroren sein.“

Wie diese und andere Liturgiewissenschaftler oft gezeigt haben, ist die Vielfalt der liturgischen Formen in der Kirche normativ und sollte kein Grund zur Sorge sein. Die Verschiedenheit wurde immer als ein Werk des Heiligen Geistes verstanden.

Eine der gefährlichsten Versuchungen, denen wir Orthodoxe heutzutage gegenüberstehen, ist die Tendenz, den orthodoxen Glauben gemäß anti-westlicher Gesinnung zu definieren.
Wenn wir „orthodox sein“ mit „unwestlich sein“ gleichsetzen, degradieren wir die Orthodoxie zu einer reaktionären Gruppe, die sich durch das definiert, wogegen sie sich wendet. Wir laufen auch Gefahr, die katholische orthodoxe Kirche zu einer kulturellen Angelegenheit abzuwerten und unsere Mission gegenüber allen Völkern an allen Orten und zu allen Zeiten zu verraten.

Die Identifikation der orthodoxen Kirche mit einer bestimmten Ethnie, Kultur und einem bestimmten Land wurde 1872 unter dem Namen Ethnophyletismus verurteilt. Wenn wir die Orthodoxie ausschließlich mit der östlichen Tradition identifizieren, sind wir dann nicht zumindest vom Geist des Ethnophyletismus bedroht?

Der Westen war einst orthodox, doch entfremdete er sich von seinem orthodoxen Erbe. Indem die Orthodoxie ihrer westlichen Tradition als tragisches Ergebnis eines Schismas beraubt wurde, führte dies zur Verdunkelung ihrer Katholizität.

Westliche Buchmaleriei im Ikonenstil

Gott hat in Seiner Bermherzigkeit die Fülle des Glaubens in der östlichen orthodoxen Kirche bewahrt – nicht weil sie östlich ist, sondern weil Er barmherzig ist. Die orthodoxe Kirche ist nicht mangelhaft, aber sie ist ärmer durch den Verlust ihrer westlichen Ausdrucksformen.

In diesen Tagen erleben wir ein Werk Seiner Gnade, insofern Gott der orthodoxen Kirche das wiedergibt, was ihr zu Recht gehört und was sie bereichern wie auch ihre Mission im Westen effektiver machen wird.

V. Rev. Fr. Prof. Paul Schneirla (1916-2014),
Generalvikar der AWRV

Mit den Worten von Vr. Paul Schneirla:

„Der Westritus stellt das normale kulturelle Gleichgewicht in der Kirche wieder her. Der vorschismatische Zustand zwischen Ost und West wird in seiner Gestalt und Potenzialität wiederhergestellt.
Ein erstes Resultat dieser Wiedervereinigung ist, dass die Kirche [erneuert] ihre Katholizität verkündet. Sie zeigt damit, dass sie [auch im wörtlichen Sinn] eine „ökumenische“ Kirche ist und keine Stammesreligion.“ („Die Bedeutung des westlichen Ritus“, in: Das Wort, Vol. 6, 4/1962, S. 2)

Heute wird unsere westliche orthodoxe Tradition
wiederhergestellt – wie sind wir dahin gelangt?

Vor nicht allzu langer Zeit sind viele orthodoxe Völker in den Westen gekommen, um ein besseres Leben zu führen. Diese orthodoxen Einwanderer haben sich in vielerlei Hinsicht in das amerikanische Leben integriert und gleichzeitig ihre Glaubensgemeinschaft als Zufluchtsort erhalten. Diese orthodoxen Gemeinschaften wurden zu östlichen Kulturdenkmälern in der westlichen Landschaft Amerikas.

Mit der Zeit interessierten sich westliche Christen für die Orthodoxie, weil sie diesen orthodoxen Gemeinschaften begegneten, und die orthodoxe Kirche wurde zu ihrer Mission erweckt, ihren Glauben mit dem Westen zu teilen.

In den letzten 30 Jahren waren bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen, als Tausende von Westlern byzantinisch-orthodox wurden. Die Erzdiözese Antiochia leistete Pionierarbeit im Bereich der englischsprachigen Liturgie und der Öffentlichkeitsarbeit für nicht-orthodoxe Amerikaner, und heute sind über 60% unserer Priester Konvertiten.

Bischofsbesuch in der Gemeinde St. Patrick, rechts Vr. Patrick Cardine

Trotzdem stehen wir vor großen Herausforderungen. Wir wachsen nicht mehr so ​​wie früher, und unsere Kinder verlassen die Kirche in alarmierend hohen Zahlen. Der Anteil orthodoxer Christen an der Gesamtbevölkerung ist in den letzten 100 Jahren nicht gewachsen.

Was ist die Zukunft der byzantinisch-orthodoxen Kirche im Westen? Fr. Schmemann warnte uns davor, „eine Gruppe von Exilanten oder ein geistliches und kulturelles Ghetto zu werden, das sich trotz aller Widrigkeiten verewigen will.“ Viele prominente orthodoxe Leitfiguren wie Vr. Schmemann und die hoch aufragende Gestalt des Metropoliten Philip [Saliba, 1931-2014] bestanden darauf, dass wir auf eine einheimische amerikanisch-orthodoxe Kirche hinarbeiten müssen.

In dem von Metropolit Anthony Bashir veranlassten Edikt zum Westritus wies er darauf hin, dass es sehr viele nicht-orthodoxe Christen gebe, die „von unserem orthodoxen Glauben angezogen sind, aber in der spirituellen Welt des östlichen Christentums keine kongeniale Heimat finden konnten“.

Gibt es einen Platz für diese Menschen in der orthodoxen Kirche? Müssen sie in ihrer liturgischen Frömmigkeit und ihrem Ethos östlich werden? Ist es möglich, wirklich vollständig orthodox zu sein und gleichzeitig wirklich vollständig in unserem westlichen christlichen Erbe verwurzelt zu sein?

Nochmals Vater Alexander Schmemann, der schreibt: „Wir behaupten, dass unsere Kirche orthodox oder, einfacher gesagt, die Kirche ist, und dies ist eine erschreckende Behauptung. Denn dies impliziert, dass dies der Glaube für alle Menschen, für alle Länder, für alle Kulturen ist. “

Was ist unsere Aufgabe, und wie erfüllen wir unsere
Mission als im Westen lebende byzantinisch-orthodoxe Christen?

Es gibt mehr als eine Antwort auf diese Frage. Erstens gibt es Gemeinschaften, die überwiegend ethnischer Herkunft sind und in ihrer Muttersprache betreut werden müssen.

Zweitens gibt es jene Gemeinschaften, die eine Vision einer byzantinisch-orthodoxen Kirche innerhalb der amerikanischen Kultur haben. Die Liturgie, das Andachtsleben, die Musik, der Kalender und die Bräuche dieser englischsprachigen Gemeinschaften sind fest im östlichen Ethos verwurzelt, auch wenn die Mitglieder mit amerikanischem Akzent sprechen.

Diese beiden Modelle sind ein Teil der Antwort und bringen ihre eigenen Herausforderungen mit sich. Hier möchten wir jedoch einen weiteren synergetischen Weg zur Erfüllung unserer Mission im Westen empfehlen.

Dieser dritte Weg ist die Wiederherstellung einer wirklich einheimischen westlich-orthodoxen Tradition, einer Tradition, die ursprünglich die westliche Zivilisation geprägt hat und hier in Amerika verborgen bleibt.
„Wirklich orthodox und doch voll amerikanisch zu sein, scheint die einzig wahre orthodoxe Tradition zu sein. Wie und wo fangen wir dann an? “ – Schmemann

Die Wiederherstellung der westlichen Tradition in der orthodoxen Kirche ist aus zwei Gründen wichtig:

Erstens ist es ein wesentliches Zeugnis unserer Katholizität – d. h., dass Orthodoxie nicht mit einer bestimmten Ethnie, Kultur oder Ethik (byzantinisch, griechisch, slawisch oder östlich) gleichgesetzt werden kann, sondern für alle Länder, Zeiten, Völker und Kulturen da ist.

Zweitens ist unsere Wiederherstellung der westlich-orthodoxen Tradition entscheidend für unsere apostolische Mission, den Westen zu evangelisieren und sie [die Tradition] zu ihrem orthodoxen Erbe zurückzuholen.

Ruinen renovieren

Die Mönche lehren uns, dass wir Christus in unserer Zelle finden müssen. Unsere „Zelle“ oder unser kongeniales Zuhause ist der Westen, und es gibt eine reiche und heilige westlich-orthodoxe Tradition, die für unsere westliche Kultur und Zivilisation wirklich einheimisch ist. Sollen wir diesen verborgenen Schatz außer Acht lassen, der uns gehört und so viele der großen Heiligen der Kirche hervorgebracht hat?

Ruine des lateinischen Benediktiner-Klosters auf dem Athos

Wir haben eine sichtbare Darstellung unseres westlich-orthodoxen Erbes in der Architektur vieler großer Kathedralen, Klöster und Kirchen. Die westliche Tradition mag zerbrechlich und in Verfall sein, aber sollen wir einfach ihre Kirchen und Klöster zusammen mit der Liturgie und dem Ethos des Westens niederreißen?

Dieses westlich-orthodoxe Erbe als Architektur muss zurückgewonnen, wieder aufgebaut und repariert werden. Das Gerüst ist bereits vorhanden, und die Renovierungsarbeiten haben durch die wachsenden WR-Gemeinden, die florieren, ernsthaft begonnen. Wir brauchen die Unterstützung und Fürsprache unserer byzantinisch-orthodoxen Brüder, um die heilige Arbeit zur Wiederherstellung der Mauern fortzusetzen.

Die östlich-orthodoxe Kirche ist in den Westen gezogen und hat die Mission auf sich genommen, ihn zum Glauben der Väter zurückzubringen, zu denselben Vätern, die genau diese Gebäude zur Ehre Gottes errichtet und erbaut haben. Sollen wir sie abreißen? Sie zerstören? Sie ignorieren? Sie gehören uns, unseren Vorfahren und zu unserem eigenen katholischen Erbe. Niemand bestreitet, dass die westliche Tradition der orthodoxen Kirche weitgehend abhanden gekommen ist, aber die Architektur wartet darauf, zurückerobert zu werden.

Die ehrwürdige westliche orthodoxe Tradition schreit nach Wiederbelebung, aber wie wird unsere Antwort sein? Ist die Schaffung einer neuen, hybriden Kultur durch den Import östlicher Traditionen der einzig gangbare Weg, um die Orthodoxie im Westen zu verbreiten? Dies kann Teil der Lösung sein, aber nicht die einzige. Wir müssen uns auch für die vollständige Wiederherstellung eines lebendigen orthodoxen Ausdrucks des westlichen Ritus einsetzen.

Prof. Herbert Arthur Hodges

Die Wiederherstellung unserer Architektur und des geistlichen Gesangs des Westens ist ein wesentlicher Bestandteil der Wiederherstellung des gesamten orthodoxen Westens.

Professor H. A. Hodges schreibt [dazu]:

„Der orthodoxe Glaube muss in Bezug auf das Leben und Denken der westlichen Völker zum Ausdruck gebracht werden können . . . Die westliche Orthodoxie kann nicht nur durch die Gründung von Kolonien orthodoxer Menschen aus dem Osten in westlichen Ländern begründet werden. . . Wahre westliche Orthodoxie wird von leibhaftigen westlichen Menschen, Angehörigen westlicher Nationen, die mit all ihrem westlichen Hintergrund, ihren westlichen Gewohnheiten und Traditionen in den Kreis des orthodoxen Glaubens kommen, gefunden. Dann hätten wir eine Orthodoxie, die wirklich westlich wäre, weil ihre Erinnerung westlich wäre – eine Erinnerung an die christliche Geschichte des Westens, nicht wie der Westen sie jetzt erinnert, sondern durch den orthodoxen Glauben gereinigt und ins rechte Licht gerückt. “

Wir haben bereits ein solides Fundament, Mauern und ein Dach; wir müssen nur den das Gotteshaus bewohnen.

Generalvikar AWRV Edward Hughes

Die westliche liturgische Tradition war [bis zur Liturgiereform] über Jahrhunderte standfest und intakt. Der Generalvikar des antiochenische WR-Vikariats [des AWRV], Erzpriester P. Edward Hughes, sagt dazu folgendes:

„Seit der Zeit des hl. Gregors des Großen (Dialogos) (590–604) blieb der römische Ritus bis in die 1970er Jahre nahezu unverändert. Auch der römische Ritus vor dem hl. Gregor war kaum anders… Ich sage dies, weil einige von uns, insbesondere einige unserer byzantinischen Brüder, sich vorstellen, dass der Westen vor der Spaltung dieselben Gottesdienst-Formulare wie der Osten in Gebrauch hatte.
Tatsächlich waren es die Byzantiner, die ihre Gottesdienstformen radikal veränderten. Der heilige Johannes Chrysostomus hörte nie „Der eingeborene Sohn …“ oder den Hymnus des Cherubinkons. Er trug auch nie einen Sakkos oder eine „byzantinische Mitra“. Wenn er eine moderne byzantinische Bischofsliturgie sehen würde, würde er nicht erkennen, was es überhaupt sein soll.
Wenn demgegenüber der hl. Gregor der Große (Dialogos) oder der hl. Benedikt oder der hl. Leo eine unserer Pfarreien im westlichen Ritus besuchen würden, wären sie zu Hause, wüssten genau, wo sie sich befinden und könnten sogar mitsingen.“

Die verlorene Reliquie

Durch den Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame
beinahe verlorene Reliquie der Dornenkrone Jesu.

Die Wiederherstellung der Orthodoxie im Westen ist in unseren Westritus-Gemeinden, in denen Gemeindemitglieder täglich ein westorthodoxes Leben führen, in vollem Gange. Wenn Sie diese Gemeinschaften besuchen, werden Sie Zeuge vieler Dinge, die tief in der westlichen Kultur verankert sind, aber gleichzeitig vollkommen orthodox sind.

Bischof Basil Essey,
antiochen. Metropolie USA

Dieses reichhaltige liturgische Leben sieht anders aus und klingt anders, aber es ist orthodox – wie Bischof Basil [Essey] betonte:

Orthodoxe, die dem byzantinischen Ritus angehören, wissen, dass die Art und Weise, wie man betet, kein Beweis für irgendetwas ist. Wir waren in Kirchen [z. B. des orientalischen syrisch-orthoxen Patriarchats], und einige von uns haben Verwandte, die diese Kirchen besuchen, die wie unsere aussehen und nach unserer riechen, und wenn Sie zur Kommunion gehen, würde es wahrscheinlich nach unserer schmecken … Die Musik klingt wie unsere Musik. Die Akzente, die die Menschen haben, sind die gleichen, die wir haben, aber es ist nicht unsere Kirche.
Für Orthodoxe ist die Tatsache, dass etwas gleich aussieht und gleich riecht, kein Beweis für irgendetwas. In diesem Sinne werden unsere Gläubigen des byzantinischen Ritus den westlichen Ritus mehr und mehr wertschätzen. Er sieht anders aus, die Gewänder sind anders, der Weihrauch riecht anders, die Worte und die Musik sind anders – und doch ist es dieselbe Kirche.

Der westliche Ritus hat ein reiches liturgisches Leben, genau wie der östliche Ritus, mit seinem eigenen kulturellen Ethos und seiner eigenen Tradition. Unsere Geistlichen tragen westliche Gewänder, unsere Chöre singen den Gregorianischen Choral, und unsere Kirchen sind mit Sakralkunst nach westlicher Tradition geschmückt.

Papst Gregor I., der unter dem Namen „Dialogos“ auch als orth. Heiliger verehrt wird, wird bei der Messe ein Wunder zuteil.

Sie werden die altehrwürdige Messe des hl. Gregors des Großen und die Requiem-Messe für die Toten erleben, die einige der beeindruckendsten musikalischen Vertonungen enthält, die jemals geschrieben wurden. Es gibt die Hochzeitsmesse und die Votivmessen für die Kranken und die Verbreitung des Glaubens. Sie können am Stundengebet des heiligen Benedikt von Nursia teilnehmen, dem vielleicht ältesten Offizium, das ständig in Gebrauch ist. Es gibt auch zahlreiche westliche Andachtsriten, Hochzeitsriten, Taufriten, Litaneien und Prozessionen, Segnungen und Weihen. Die feierlichen Riten der Karwoche und Pascha sind der herrliche Anker für das liturgische Jahr.

Orthodoxe Westritus-Gemeinden folgen ebenfalls dem alten westlichen liturgischen Kalender. Von den wichtigsten liturgischen Jahreszeiten in der Kirche begannen Advent und Weihnachten im Westen und entwickelten sich dort tendenziell stärker als im Osten. Dies zeigt sich bis heute in westlichen Kulturen. Der WR bietet die Möglichkeit, auf die Orthodoxie dieser Jahreszeiten in einer Kultur zurückzugreifen, die sie bereits betont.

Orthodoxe Ikone mit dem hl. Patrick von Irland

Der WR-Kalender stellt die Verehrung vieler orthodoxer Heiliger und Festtage wieder her, die während der Entfremdung von unserem westlichen Erbe fehlten.
Am St. Patrick’s Day, Valentinstag, Allerheiligen, Allerseelen, Aschermittwoch und vielen anderen solchen Tagen wird unsere westliche Kultur durch das Zeugnis unserer WR-Gemeinden, die diese Feiertage feiern, zum orthodoxen Glauben zurückgerufen.

Orthodoxe Christen im Westen haben eine heilige Reliquie wiedergefunden, die so lange begraben und für die orthodoxe Kirche verloren war, dass viele sie vergessen hatten. Aber jetzt wurde dieses heilige Reliquie der westlichen Tradition ausgegraben und in die orthodoxe Kirche zurückgebracht.

Was sollen wir damit machen? Lassen wir sie begraben, weil wir es so lange ohne sie geschafft haben? Bringen wir sie widerwillig in das Allerheiligste, verstauen sie aber im Schrank, der immer noch verstaubt und schmuddelig ist? Oder säubern wir sie und legen sie in ein wunderschönes Reliquiar, verehren sie als heilig und lassen sie leuchten?
Die westliche orthodoxe Tradition ist ein heilige Reliquie, die geborgen wurde und dazu beitragen wird, den Westen in seine eigene heilige Geschichte zurückzuführen. Sie ist ein Geschenk, eine Perle von großem Wert.

Der Westritus ruft Amerika mit der Stimme der Vorfahren zum orthodoxen Glauben. Es ist eine einheimische und sympathische Stimme. Sie spricht mit einem Akzent, der die verborgene Orthodoxie im Westen hervorhebt.

Der WR revitalisiert nicht nur die der westlichen liturgischen Tradition innewohnende Orthodoxie, sondern dient auch dazu, die amerikanische Kultur gegebenenfalls organisch zu taufen und damit den Westlern den Eintritt in die Kirche zu erleichtern. Dies war schon immer das Ablauf-Protokoll für apostolische christliche Missionen.

Die verlorene Tochter**

Stellen Sie sich ein junges Mädchen vor, das verloren ging, als es seiner Mutter weggenommen wurde. Nach vielen Jahren findet die verlorene Tochter, inzwischen eine erwachsene Frau, ihre Mutter und stellt sich vor: „Mutter, ich bin deine verlorene Tochter, und jetzt habe ich dich gefunden!“ Was, wenn die Mutter antwortete: „Ich habe viele Jahre gelebt und gelernt, ohne dich auszukommen, ich kenne dich nicht mehr, ich brauche dich nicht in meinem Leben.“ Dies wäre eine schlimme Antwort.

Was wäre, wenn die Mutter die Tochter willkommen heißen würde, sie aber als Familienmitglied zweiter Klasse in einem Hinterzimmer leben lassen würde? Auch das wäre schrecklich. Das verlorene Kind ist in den Schoß der Kirche zurückgekehrt und sollte mit großer Freude aufgenommen werden. Ein purpurnes Gewand sollte um ihre Schultern gelegt, das gemästete Kalb geschlachtet und eine Feier veranstaltet werden, denn das, was verloren war, wurde gefunden, und das ist eine Freude für die ganze Familie.

Patriarch Alexander III. (Tahan) von Antiochia
(amtierte von 1928-1958)

Am 31. Mai 1958 ermächtigte seine Seligkeit Alexander III., Patriarch von Antiochien seligen Angedenkens, in Absprache mit den Leitern der anderen autokephalen orthodoxen Kirchen Seine Eminenz Metropolit Anthony (Bashir) zur Errichtung des westlichen Ritus in der antiochische Erzdiözese.
Das Folgende ist ein Auszug aus dem Bericht von Metropolit Anthony an die Erzdiözesanversammlung von 1958.

„Mit dem Segen des Patriarchen und nach dem Vorbild anderer orthodoxer Patriarchate haben wir es westlichen Christen ermöglicht, der Kirche beizutreten und alte Formen zu bewahren, die für sie genauso wertvoll sind wie unsere für uns.
In den letzten vierzig Jahren hat die Orthodoxie die westliche Welt wie nie zuvor betreten. Viele Westler haben sich unserer Kirche angeschlossen und unsere östlichen Anbetungsformen übernommen. Andere haben gefragt, warum sie östlich werden müssen, um orthodox zu werden. Ihre französischen, deutschen und englischen Vorfahren waren orthodox, bevor die Päpste sie im 11. Jahrhundert aus der Kirche holten, aber sie waren westlich-orthodox. Unsere Gelehrten und Theologen haben diese Behauptung geprüft und für gerecht und vernünftig befunden. Seit über 20 Jahren haben verschiedene orthodoxe Hierarchen westliche Christen aufgenommen und ihnen gestattet, Riten zu verwenden, die mit ihrer alten orthodoxen Geschichte und westlichen Kultur und Lebensweise vereinbar sind. “

Wie wird die orthodoxe Kirche ihre Mission im Westen erfüllen?

1. Bewahren – Sie kann ihren Fokus auf den Dienst an ethnischen Orthodoxen in ihrer Muttersprachen richten und so dafür sorgen, dass die östlichen Traditionen in einer Art Kulturschutz-Reservat erhalten bleiben.

2. Neu gründen – Sie kann im Westen eine neue „einheimische“ christliche Kultur bilden, die voll und ganz dem liturgischen Ethos des Ostens entspricht, sich jedoch mit einem amerikanischen Akzent ausdrückt.

3. Wiederherstellen – Schließlich kann sie ihre eigene westlich-orthodoxe Tradition wiederherstellen und den Westen durch die Wiedergewinnung der im Westen verborgenen westlichen Tradition wieder in die Kirche einpflanzen.

Es ist keine theoretische Frage, welche dieser drei Optionen verwendet wird. Alle drei sind bereits Realität und Teil unserer apostolischen Mission im Westen. Wir müssen darauf achten, dass diese Arten von Gemeinschaften nicht in Konkurrenz zueinander geraten, sondern für alle wechselseitig Seiten von Vorteil sind, um unsere Mission in Amerika zu erfüllen.

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* Für etwaige Ungenauigkeiten oder Fehler ist allein der Übersetzer verantwortlich.
** Der Autor, Vr. Patrick Cardine, ist stolzer Vater von fünf Töchtern und einem Sohn. Die Kirche ist zudem grammatisch in vielen Sprachen weiblichen Geschlechts.

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